90 Prozent weniger Sportwetten

Der Deutsche Sportwettenverband (DSWV) hat einen Rückgang der Wettumsätze von 90 Prozent aufgrund der Covid-19-Pandemie bekanntgegeben. Der eigentlich boomende Markt steht momentan vor einer beispiellosen Herausforderung. Besonders die Verschiebung der Fußball-EM und Olympischen Spiele sorgen für millionenschwere Verluste. Mit welchen Entwicklungen ist zu rechnen?

Eine leere Zuschauerloge im Fußballstadion.

Ab Mai könnten wieder Bundesligaspiele stattfinden, jedoch vor leeren Rängen. ©MarvinRonsdorf/Unsplash

Härtetest für Buchmacher

Noch Anfang Februar gab der DSWV einen Rekordumsatz am deutschen Sportwettmarkt bekannt. Jetzt sieht sich der Industrieverband mit den schwersten Einbrüchen seiner Geschichte konfrontiert. Infolge des globalen Shutdowns gingen die Umsätze um 90 Prozent zurück. „Wir sind ganz erheblich in Sorge, das Geschäft ist quasi auf null runter“, kommentierte DSWV-Präsident, Mathias Dahms, gegenüber der Deutschen Presseagentur (DPA).

Obwohl die Branche eigentlich boomt – die Wetteinsätze betrugen 2019 rund 9,3 Mrd. Euro – kämpfe sie zurzeit ums Überleben. Da wegen der Gesundheitskrise sämtliche Sportevents abgesagt wurden, käme es nicht nur in landbasierten Wettbüros zu Einbrüchen, sondern auch im Internet. Ein großes Risiko seien die laufenden Kosten. Diese ließen sich nicht problemlos senken, die IT müsse konstant unterhalten werden, was hohe Ausgaben bedeutet.

Zudem sieht Dahms die Wettbüros gefährdet. Diese dürfen nicht öffnen, dementsprechend gebe es auch keine Einnahmen. „Große internationale Anbieter haben vielleicht ein Polster oder werden von den jeweiligen Regierungen unterstützt“, so der DSWV-Präsident, kleinere Handelsketten sind der Krise hingegen schutzlos ausgeliefert. In Großbritannien wurde die Aufnahme des Wett-Dachverbands in einen 350 Mrd. Pfund-schweren Rettungsfonds sogar abgelehnt.

Verzweifelte Sportwettfans

Natürlich sind auch Sportwettkunden stark eingeschränkt. Die Süddeutsche Zeitung zitiert zum Beispiel den britischen Spieler Ersen Guven, der sein Leben mit Sportwetten finanziert. Durch Wettbörsen mit Live-Wetten setzt Guven angeblich sechs bis sieben Millionen Pfund im Monat um. Nun sei ein Einbruch von 80 Prozent festzustellen. Es sei „wahnsinnig“, so Guven.

Derzeitig laufen nur noch Spiele der weißrussischen Liga. In den Spielen stecke ein Marktwert von über einer Million Euro. Dies zeige die „Verzweiflung der Wetter“, die schlicht etwas suchen würden, worauf gewettet werden kann. Guven selbst erklärte, zurzeit ebenfalls auf weißrussische Spiel zu setzten. Das Wetten auf Freundschaftsspiele sei jedoch nicht zu empfehlen. „Da gab es zu viele absurde Resultate.“

Die Fußballiga Weißrusslands wird im Übrigen weiter laufen. Aktuell wurde bekannt, dass Präsident Alexander Lukaschenko einen Shutdown aufgrund der Pandemie ablehnt. „Lieber aufrecht sterben, als auf Knien leben“, so das Statement des Staatschefs, der darüber hinaus Wodka gegen das Virus empfohlen haben soll. Aber wie steht es um die Zukunft der großen Sportligen und die damit verbundenen Wettsponsoren?

Ligen und Sponsoren unter Druck

„Ohne Sport keine Sportwette.“ Mit diesem Slogan hatte der DFB noch Anfang März einen Anteil an der Wettsteuer gefordert. In kaum einem anderen Zitat wird die Extremsituation für Buchmacher deutlicher. Alle US-amerikanischen und europäischen Spitzensportligen stehen still. Zuletzt wurden die Fußball-EM und die Olympischen Spiele auf 2021 verschoben. Die Wettanbieter fungieren hier als wichtige Sponsoren, weshalb millionenschwere Verluste drohen.

Deutlich wird die Problematik auch am Drittligisten Hallescher FC. Hauptsponsor des Vereins ist Sunmaker, der insgesamt sieben Vereine der 3. Liga als Trikotsponsor fördert. Wie Präsident Jens Rauschenbach gegenüber MZ erklärte, habe der Wettanbieter bereits alle Verpflichtungen für die laufende Saison erfüllt. Die ist kein Einzelfall. Diskussionen über Ausgleichszahlungen könnten sich daher bis weit über die Krise hinaus ziehen.

Auch in der deutschen Bundesliga warten inzwischen fast alle Teams mit einem Wettpartner auf. Die Liga steht deshalb enorm unter Druck ihren Betrieb wieder aufzunehmen. Aktuell kündigte die höchste deutsche Spielklasse an, ab Mai auf Geisterspiele ohne Zuschauer zurückzugreifen. Diese Situation könnte sich bis Ende des Jahres ziehen. Die längerfristigen Folgen – und ebenso die Zukunft der Wettpartnerschaften – sind ungewiss.

Dementgegen sieht sich die Serie A in Zeiten der Krise durch ein geltendes Sponsoringverbot eingeschränkt. Zuletzt hatte sich die höchste Fußballliga Italiens in einem Anschreiben an die Regierung gewandt und die Wiedereinführung von Wettwerbung gefordert. Hiermit sollen verlorenen Einnahmen ausgeglichen werden. Infolge der Pandemie werden Verluste von bis zu 700 Mio. Euro befürchtet.

Gibt es Alternativen?

Momentan geht es für die Sport- und Wettbranche rapide bergab, was sich auch an den Börsen zeigt. Ein Beispiel ist GVC, der Inhaber von Marken wie bwin oder Ladbrokes. Dessen Aktie sackte von 9 auf 3,50 Euro ab. Auch die von Bet-at-home fiel am Tiefpunkt von 40 auf 18 Euro. Doch welche Möglichkeiten haben Wettanbieter sich aus der Misere zu ziehen?

Eine Lösung könnten E-Sport-Varianten und Virtual Sports sein, zum Beispiel in Form von komplett computeranimierten Pferderennen. In diesem Kontext hat das Schweizer Datenschutzunternehmen Sportradar ein neues Produkt namens „Simulated Reality“ angekündigt. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz sollen Sportereignisse realitätsgetreu erlebbar gemacht werden.

Ein dauerhafter Sportersatz sind derartige Konzepte jedoch kaum. Die bis dato als krisenresistent geltende Wettbranche sieht sich in Zeiten der Covid-19-Pandemie vor dem Abgrund. Sollte der Ball nicht ab Mai wieder rollen, müssen die Anbieter ernsthaft überlegen, welche Alternativen angeboten werden können. Die Verluste könnten sonst ins bodenlose fallen.

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