Trading Cards und Glücksspiel: Wann Sammeln zum Risiko wird
- Trading Cards sind nicht mehr nur Sammelobjekte. TikTok, Live-Breaks und digitale Pack-Apps haben einen weltweiten Hype ausgelöst.
- Die Grenze zwischen harmlosem Hobby und Pack-Chasing verschwimmt zunehmend. Einige Experten sehen sogar glücksspielähnliche Mechaniken.
- In diesem Artikel erfahrt ihr, wann das Sammeln glücksspielähnliche Züge annimmt, wie diese Entwicklung überhaupt zustande gekommen ist und wann es rechtlich schwierig wird.

Trading Cards können ähnliche Mechanismen wie Glücksspiel nutzen. © OnlineCasinosDeutschland.com/ChatGPT
Der Moment, in dem Sammeln nach Jackpot klingt
Sicher erinnert ihr euch noch. Ihr habt euch nach Schulschluss mit euren Freunden auf den City-Roller geschwungen und seid zum nächstgelegenen Kiosk gefahren. Dort habt ihr euch nicht nur Süßigkeiten gekauft, sondern auch Sammelkarten. Ob Pokémon, Yu-Gi-Oh! oder Dragon Ball: Ihr habt euch ein paar Tütchen mitgenommen und sie mit euren Freunden aufgemacht. Sammeln und Tauschen waren selbstverständlich.
Viele Menschen verbinden Trading Cards mit ihrer Kindheit. Wie so vieles haben sich aber auch die Trading Cards und die Industrie dahinter weiterentwickelt. Packs werden heute live geöffnet und das Ganze auf TikTok gestreamt. Seltene Karten werden wie Riesengewinne gefeiert und Mystery-Packs sorgen für noch mehr Reiz.
Bei manchen Sammlern kann sich aus dem Hobby jedoch eine problematische Dynamik entwickeln. Denn seltene Karten haben einen enorm hohen Verkaufswert und die sozialen Medien fachen den Hype immer weiter an. Für viele scheinen sich Trading Cards anzufühlen wie Lose: aufreißen, hoffen, Treffer ziehen und dann direkt das nächste Pack kaufen.
Wann wirken Trading Cards plötzlich wie Glücksspiel?
Eines müssen wir vorab festhalten: Trading Cards sind nicht per se Glücksspiel. Einige Formen von Trading Cards weisen jedoch Elemente auf, die aus dem Glücksspiel bekannt sind:
- Zufall: Kartenpacks enthalten zufällige Inhalte. Vor dem Öffnen wissen Käuferinnen und Käufer nicht, welche Karten sie im Inneren erwarten. Diese Elemente gleichen denen des Glücksspiels. Beim Glücksspiel entscheidet ebenfalls der Zufall.
- Hoffnung: Auch nach mehreren schwachen Karten oder Packs bleibt immer noch die Hoffnung, dass die gewünschte Karte bald auftaucht. Der nächste Volltreffer könnte schon im nächsten Pack warten.
- Verluste ausgleichen: Wer schon viel Geld für Packs ausgegeben hat, versucht möglicherweise, die Verluste wieder auszugleichen. Wird dann eine wertvolle Karte gezogen, fühlt sich der hohe finanzielle Einsatz im Nachhinein gerechtfertigt an.
- Schnelle Wiederholung: Nach einem enttäuschenden Pack kann direkt das nächste geöffnet werden. Wer Apps nutzt oder Live-Breaks verfolgt, ist einer besonders schnellen Wiederholung ausgesetzt. In Kombination mit dem ungewissen Inhalt und der Chance auf etwas Wertvolles kann problematisches Verhalten begünstigt werden.
- Unbekannte Gewinnchancen: Selbst erfahrene Sammler wissen oft nicht, wie selten bestimmte Karten sind. Es ist oft sogar unklar, wie wahrscheinlich es ist, eine bestimmte Karten zu ziehen oder wie hoch der durchschnittliche Wert eines Packs ist.
Sammelkarten allein sind nicht riskant und auch kein Glücksspiel. Problematisch wird es, wenn der Reiz nicht mehr im Sammeln liegt, sondern im Ziehen, Hoffen und Wiederholen. Die Kombination aus Zufall, schnellen Wiederholungen und Hoffnung kann den Mechaniken des Glücksspiels ähneln.
Packs, Breaks und Mystery Boxes: Die neuen Spielformen des Sammelns
Sammeln läuft heute nicht mehr so ab wie früher. Während ihr auf dem Spielplatz Pokémon-Packs geöffnet habt, werden Live-Breaks heute auf TikTok gestreamt. Das ist natürlich nicht bei allen Sammlern der Fall: Viele öffnen ihre Tütchen nach wie vor zu Hause oder mit der Familie. Es gibt aber auch die andere Seite, auf der sich ganz neue Spielformen entwickelt haben.
Booster Packs
Booster Packs sind die klassische Form von Sammelkarten. Ihr kauft ein Tütchen, in dem eine feste Anzahl an zufällig zusammengestellten Karten zu finden ist. Welche Karten sich im Inneren befinden, ist nicht bekannt. Der Reiz liegt in der Frage, welche Karten enthalten sind und ob eine seltene Karte dabei ist.

Wie hoch der Wert der erhaltenen Karten ist, variiert. Er kann unter oder deutlich über dem Kaufpreis liegen. Die Käuferinnen und Käufer erhalten immer ein physisches Produkt, das sie sammeln, tauschen oder verkaufen können.
Live-Breaks
Ganz anders als die klassischen Booster Packs funktionieren Live-Breaks. Dabei können sich Nutzerinnen und Nutzer Plätze in einer Box oder einem Break kaufen. Die Karten werden anschließend von Streamern oder bekannten Persönlichkeiten geöffnet. Plattformen dafür sind etwa Whatnot oder Twitch.
Als Zuschauer der Streams erlebt ihr dann hautnah mit, welche Karten geöffnet werden. Jeden Treffer, jede Enttäuschung und jedes neue Pack erlebt ihr unmittelbar mit. Das Öffnen der Sammelkarten wird also öffentlich, schneller und sozial aufgeladen. Die Gruppendynamik und die Moderation können euch dazu verleiten, noch mehr Packs nachzukaufen.
Mystery Packs & Repacks
Neben den klassischen Booster Packs bieten viele Unternehmen inzwischen auch Mystery Packs an. Sie versprechen eine besonders hohe Chance auf seltene Karten. Manchmal habt ihr sogar eine Garantie darauf, mindestens eine besondere Karte in dem Pack zu finden. Die genaue Verteilung und der genaue Wert der Packs bleiben für die Kundschaft oft unklar.
Ähnlich verhält es sich mit Repacks. Dabei handelt es sich um Packs, die nicht vom Hersteller zusammengestellt wurden, sondern von einem Händler. Auch dabei haben viele Sammlerinnen und Sammler die Hoffnung auf große Gewinne. Das Vertrauen liegt komplett beim Händler, denn dieser stellt die Packs zusammen.
Digitale Packs
Wer heutzutage keine Lust mehr auf physische Sammelkarten hat, der steigt einfach auf digitale Karten oder Apps um. Dabei gibt es verschiedene Optionen.
Zunächst werden die Karten eines Packs über eine Animation enthüllt. Anschließend können euch die Karten zugeschickt werden. Bei manchen Apps sind auch Verkauf, Guthaben oder Cash-out möglich.
In solchen Apps habt ihr jederzeit die Möglichkeit, neue Packs nachzukaufen. Das Öffnen, das Bezahlen und das Kaufen finden in derselben App statt. Es gibt also eine direkte Verbindung zwischen dem Öffnen und dem Geldwert der Karten.
Booster, Break oder Glücksspiel? Wo das Recht die Grenze zieht
Wer sich Booster Packs holt und diese zu Hause öffnet, läuft natürlich nicht Gefahr, sich an illegalem Glücksspiel zu beteiligen. Komplexer wird die Einordnung, wenn mit den Karten gehandelt wird und es nicht mehr ums Sammeln geht.
Doch wo liegt die Grenze? Wann wird aus Sammeln Glücksspiel? Wir fassen für euch die rechtliche Lage zusammen. Was rechtlich als Glücksspiel gilt, ist ziemlich genau definiert. Drei Elemente sind entscheidend:
- Entgelt: Ihr müsst Geld zahlen, um die Chance auf einen Gewinn zu haben.
- Gewinnchance: Mit eurer Zahlung habt ihr die Chance, etwas als Gewinn zu erhalten.
- Zufall: Ob ihr einen Gewinn erhaltet oder nicht, hängt ganz oder überwiegend vom Zufall ab.
Die meisten Packs erfüllen zwei dieser Elemente ganz offensichtlich: Entgelt und Zufall. Üblicherweise kauft ihr Booster Packs zu einem festen Preis und erhaltet ein paar Karten. Die genaue Zusammenstellung des Packs ist zufällig. Entscheidend ist also, ob ihr beim Kauf von Trading Cards eine Gewinnchance habt. Das hängt vom jeweiligen Einzelfall ab.
Je weniger ihr ein konkretes Produkt kauft, sondern die zufällige Chance auf einen wirtschaftlichen Volltreffer in Form einer wertvollen Karte, umso relevanter werden Trading Cards im Glücksspielkontext. Es gibt also keine klare Ja-Nein-Antwort auf die Frage, ob Trading Cards Glücksspiel sein können. Aus psychologischer Sicht ist die Einordnung jedoch klarer.
Die psychologische Falle: Deshalb lockt der nächste Pull
Sammelkarten sind ein Hobby, das vielen Menschen Spaß bereitet. Ein Teil des Reizes entsteht jedoch auch durch psychologische Mechanismen rund um Zufall und Belohnung. Bei Sammelkarten greifen mehrere Punkte ineinander, die zu einer Falle werden können.
Unvorhersehbare Belohnungen
Wer regelmäßig Trading Cards kauft und Packs öffnet, weiß nie, wann die nächste seltene Karte erscheint. Ist sie schon im ersten Pack? Oder doch erst im dritten?
Die Belohnung für das Gehirn, also die seltene Karte, kommt also in unregelmäßigen Abständen und lässt sich nicht planen. Dadurch wird nicht nur die eigentliche Karte zum Reiz, sondern der Öffnungsmoment.
Die Ungewissheit, was sich in dem Pack verbirgt, kann stärker zum Kauf anregen als ein sicherer Gewinn. Denn dann kann der besondere Öffnungsmoment, der mit so viel Spannung und Neugier verbunden ist, erneut stattfinden.

Seltene Karten als Jackpot
Bei allen Arten von Sammelkarten gibt es besondere Karten. Dabei gibt es zwei Szenarien.
Einige Karten haben einen hohen Sammlerwert. Wer eine solche Karte besitzt, genießt das Ansehen anderer Sammler. Manche Karten haben auch einen sehr hohen Wiederverkaufswert.
Wer ein Pack öffnet und eine solche Karte findet, nimmt dies oft als außergewöhnlichen Treffer wahr. Dieses Glücksgefühl lässt vergessen, dass vorher viele schwache Packs geöffnet wurden. Solche großen Gewinne bleiben stärker im Gedächtnis als schwache Karten.
Diese Gefühle können die Wahrnehmung verzerren. Zudem haben Sammlerinnen und Sammler stets im Hinterkopf, dass im nächsten Pack wieder eine seltene Karte warten könnte. Die Hoffnung auf den nächsten Fund kann sie antreiben.
Enttäuschungen als Kaufargument
Jeder Sammler kennt dieses Szenario: Ihr öffnet ein Pack und hofft, dass sich darin eine seltene Karte befindet. Doch leider zieht ihr nur gängige Karten ohne besonderen Wert, die ihr vielleicht sogar schon habt. Bei vielen Sammlerinnen und Sammlern entsteht dadurch der Wunsch, direkt das nächste Pack zu öffnen und die Enttäuschung auszugleichen.
Denn der nächste starke Treffer kann die bisherigen Ausgaben rechtfertigen. So werden aus einem geplanten Kauf schnell mehrere spontane Käufe, und die Ausgaben steigen.
Ein weiterer Gedanke kann sein, dass ihr schon viel Geld investiert habt und dass sich der nächste Kauf wirklich lohnen muss. Wenn ihr schon viel Geld ausgebt, dann soll dabei auch eine besondere Karte herausspringen. Ihr jagt euren Verlusten hinterher – dieses Loss Chasing ist im Glücksspiel stark verbreitet.
Natürlich ist nicht jeder weitere Pack-Kauf Loss Chasing. Entscheidend sind die Motivation dahinter und ob es einen Kontrollverlust gibt.
Beinahe-Treffer & Glückssträhnen
Beim Öffnen von Packs schleicht sich schnell ein Denkfehler ein. Zieht ihr eine Karte, die fast der gewünschten entspricht, kann sich das wie ein Beinahe-Treffer anfühlen. Dieses Gefühl, fast eine seltene Karte gezogen zu haben, kann den Öffnungsdrang verstärken. Das kann sogar an den Near-Miss-Effekt aus dem Glücksspiel erinnern.
Denn nach mehreren schlechten Packs muss doch bald ein gutes folgen. Waren in einer Box bisher nur schwache Karten, dann wartet am Ende bestimmt der ganz große Hit.
Zufällige Ergebnisse werden schnell als Muster oder Serie interpretiert. Doch das ist oftmals nicht der Fall: Ein schlechtes Pack bedeutet nicht, dass die Chancen auf eine seltene Karte steigen.

Schnelle Wiederholungen = kein Nachdenken
Die psychologische Wirkung beim Öffnen von Packs hängt von der Art ab. Klassische Booster Packs sind schnell gekauft und geöffnet. Ein Gang zum Supermarkt oder Kiosk und ihr holt euch Nachschub.
Bei Live-Breaks wird euch oftmals direkt der nächste freie Platz angeboten. In digitalen Apps geht es sogar noch schneller und ihr könnt das nächste Pack sofort öffnen – komplett ohne Wartezeit. Es gibt keine Unterbrechung zwischen Ausgeben, Öffnen und erneutem Kaufen. Die Reibung wird auf ein Minimum reduziert, was spontane Käufe begünstigt. Schließlich müsst ihr nicht mal das Haus verlassen oder ein Tütchen selbst aufreißen.
Wiederverkaufswert als Rechtfertigung
Wenn aus Sammeln ein Business wird, dann geht es nicht mehr um die eigentlichen Karten, sondern um deren Wert. Die Packs werden dann als Investition gesehen und nicht einfach als Hobby, für das man ein paar Euro ausgibt.
Einzelne Karten können einen sehr hohen Wert haben: Dadurch entsteht die Erwartung, dass der Kauf weiterer Packs sich finanziell lohnen kann. Potenzielle Gewinne werden stärker bewertet als die zahlreichen Karten mit geringem Wert. Ein Verlust ist dadurch nicht endgültig, denn er kann mit einer besonderen Karte wieder ausgeglichen werden – zumindest theoretisch.
Das Sammlerargument kann also problematisches Kaufverhalten verstecken. Wenn jeder Kauf mit einem späteren Verkauf gerechtfertigt wird, geht es nicht mehr ums Sammeln. Dann geht es um eine spekulative Chance auf einen möglichen Gewinn.
Interview: Das sagen Experten zur Glücksspielnähe von Trading Cards
Im vorherigen Kapitel habt ihr viel darüber erfahren, welche psychologische Wirkung Trading Cards haben können. Um noch mehr darüber zu erfahren, haben wir uns an den Glücksspielforscher Dr. Tobias Hayer gewandt und ihm einige Fragen gestellt. Seine spannenden Antworten lest ihr in diesem Kapitel.
1. Welche Merkmale müssen zusammenkommen, damit das Öffnen von Trading-Card-Packs psychologisch nicht mehr nur wie Sammeln, sondern wie Glücksspiel wirkt?
Dr. Hayer: „Glücksspiele zeichnen sich gesetzlich im Wesentlichen durch drei Definitionsmerkmale aus: Geldeinsatz, Geldgewinnmöglichkeit und (überwiegende) Zufälligkeit des Spielausgangs. Während Geldeinsatz und Zufall beim Erwerb von Sammelkarten in der Regel vorliegen dürften, stellt sich die Frage, ob die zu gewinnenden Sammelkarten im Einzelfall einen (Geld-)Gewinn verkörpern.
Aus der Perspektive der Public-Health-Forschung ist für mich aber eine andere Frage weitaus relevanter: Kann sich der Erwerb von Sammelkarten negativ auf die Gesundheit auswirken? Mit anderen Worten: Bringen Sammelkarten grundsätzlich das Potenzial mit sich, suchtartiges Verhalten zu bedingen? Und geht der regelmäßige Kauf von Trading Cards mit weiteren spezifischen oder generellen, aus dem Glücksspielbereich bekannten Gefahren einher?
In die Beantwortung dieser Leitfrage sollten auch indirekte Faktoren wie die Auswirkungen von Angeboten im digitalen Raum, zum Beispiel durch entsprechende Bestellmöglichkeiten oder komplett virtuelle Sammelkartenspiele, oder virales Marketing durch Influencer*innen über Live-Streams und Co. in eine Gesamtbewertung dieser Produkte einfließen.“
2. Wie wichtig ist der Wiederverkaufswert seltener Karten für die Glücksspielnähe? Wäre der psychologische Reiz derselbe, wenn die Karten keinen Geldwert hätten?
Dr. Hayer: „Zunächst einmal müssen verschiedene Ebenen wie der monetäre vs. ideelle Wert einer Sammelkarte oder die juristische vs. psychologische Einordnung jener Produkte voneinander getrennt betrachtet werden.
Beim Glücksspiel bilden die in Aussicht gestellten Geldgewinne den primären Spielanreiz. Ohne einen größeren Jackpot, etwa beim Zahlenlotto 6aus49, würden diese Spielangebote mit deutlich geringeren Verlockungen einhergehen.
Ähnlich dürfte es bei den Sammelkarten ausfallen: Der monetäre Gegenwert und die prinzipielle Wiederverkäuflichkeit auf Drittplattformen oder Sammlermärkten erhöhen unzweifelhaft ihre Attraktivität, zumindest bei bestimmten Käufer*innengruppen. Losgelöst davon sind echte Sammler*innen zu sehen, deren Grundmotivation eben nicht finanzieller Art ist.
Hinzu kommt: Die Möglichkeit von Geldgewinnen macht ein zentrales Merkmal von Glücksspielen aus. Ist sie beim Erwerb von Trading-Card-Packs unmittelbar oder mittelbar gegeben und liegt sie als zentrale Kaufmotivation vor, rücken diese Produkte in der Tat strukturell in die Nähe von klassischen Glücksspielangeboten.“
3. Was passiert psychologisch, wenn jemand nach einem enttäuschenden Pack sofort das nächste kauft, um doch noch einen wertvollen Treffer zu erzielen? Lässt sich das mit dem Hinterherjagen von Verlusten beim Glücksspiel vergleichen?
Dr. Hayer: „In der Tat erinnert dieses Verhalten auf phänomenologischer Ebene an das im Glücksspielbereich bekannte Chasing, das Hinterherjagen von Verlusten. Damit ist ein Leitsymptom glücksspielsüchtigen Verhaltens gemeint. Ich bin jedoch kein wirklicher Fan dieses Konstruktes.
Vielmehr glaube ich, dass Personen mit einer Glücksspielproblematik auch ihren Gewinnen nach dem Motto hinterherjagen, dass zukünftig ein noch größerer Gewinn möglich sei. Voraussetzung hierfür sind lediglich weitere Spielteilnahmen.
Ob Chasing-Verhalten auch beim Erwerb von Sammelkarten auftreten und entsprechende psychische oder finanzielle Negativfolgen mit sich bringen kann, ist wissenschaftlich bislang nicht im Detail untersucht worden.
Hinzu kommt das kognitionspsychologische Phänomen des Sunk Cost Bias: So tendieren wir irrationalerweise dazu, an Sachen festzuhalten, in die wir in der Vergangenheit bereits Zeit, Energie oder Geld investiert haben. Ein Loslassen bzw. Aufhören kann mit dem Kauf jedes weiteren Packs tatsächlich unter Umständen schwieriger werden.“
4. Was verändert sich, wenn Packs nicht allein zu Hause, sondern in einem Livestream zusammen mit anderen Nutzern geöffnet werden? Welche Rolle spielen Gruppendruck, Zeitdruck und die sichtbaren Treffer anderer?
Dr. Hayer: „Zunächst einmal gehen digital verfügbare Produkte grundsätzlich mit einer deutlich höheren Verfügbarkeit und leichterer Griffnähe einher. So ist es sicherlich sehr viel einfacher und schneller möglich, Sammelkarten im Internet zu erwerben als in klassischen Ladengeschäften vor Ort. Dies steigert die Gefahr von sich wiederholenden Kaufaktivitäten.
Zudem dürfte die Präsenz von anderen Personen mit ähnlichen Interessen das Gemeinschaftsgefühl fördern, soziale Werte bzw. Normen setzen und damit die Bindung an das Produkt „Sammelkarten“ verfestigen. Ob diese Faktoren tatsächlich auf lange Sicht risikoerhöhend wirken, muss zukünftige Forschung zeigen.
Kritischer zu bewerten ist das regelmäßige Beobachten von größeren „Gewinnen“ bei anderen Personen: Hier liegt die Vermutung nahe, dass diese Erlebnisse – übrigens ähnlich wie beim Glücksspiel – zu kognitiven Verzerrungen beitragen und im Besonderen zu einer Überschätzung der tatsächlichen ‚Trefferwahrscheinlichkeiten’ bzw. einer Unterschätzung der monetären Kosten bis zu einem „Treffer“ führen.“
5. An welchen konkreten Warnsignalen können Sammler oder Angehörige erkennen, dass nicht mehr die Karten selbst, sondern zunehmend der Kick des Öffnens im Mittelpunkt steht?
Dr. Hayer: „Kernmerkmal eines Suchtgeschehens ist immer der Kontrollverlust: Nicht ich kontrolliere mein Konsumverhalten, sondern das Suchtmittel dominiert meine Erlebens- und Handlungsweisen im Alltag. Als vorrangiges Warnsignal können zeitliche oder finanzielle Beschränkungen dienen, die ich im Vorfeld des Konsums – hier der Nachfrage nach Sammelkarten – gesetzt habe.
Bin ich nicht mehr in der Lage, derartige Limits einzuhalten, stellt dies ein klares Anzeichen einer Problementwicklung dar. Die ständige gedankliche Beschäftigung mit Trading Cards, das Vernachlässigen alternativer Freizeitbeschäftigungen bzw. sozialer Kontakte oder eine Intensivierung des Konsumverhaltens bilden weitere Problemindikatoren.“
Studien & Forschungsergebnisse zu Packs, Zufallsbelohnungen & Co.
Dass Trading Cards glücksspielähnliche Elemente aufweisen und damit potenziell gefährlich sein können, ist inzwischen auch in der Forschung ein Thema. Dabei geht es nicht um das eigentliche Sammeln von Karten, sondern um die Gefahren von exzessivem Traden.
Aktuell gibt es zwei belastbare Studien zum Zusammenhang von Trading Cards und Glücksspiel. In der ersten Studie von 2021 wurde untersucht, ob Menschen mit Glücksspielproblemen mehr Geld für Booster Packs ausgeben. Die Forscher konnten jedoch keinen Beleg dafür finden, dass die Schwere von Glücksspielproblemen einen Einfluss auf die Booster-Pack-Ausgaben hat.
2025/2026 wurde dann erneut eine Studie durchgeführt, die die Methodik aus dem Jahr 2021 wiederholen sollte. Rund 2.000 Menschen wurden in Bezug auf ihre Ausgaben für TCGs, Lootboxen und Glücksspiele sowie ihr allgemeines Wohlbefinden befragt.
Dabei wurde ein interessanter Zusammenhang beobachtet: Je höher die Ausgaben für Trading Cards waren, desto ausgeprägter waren die Glücksspielprobleme.
Dieser Zusammenhang ist jedoch relativ gering. Er ist messbar, aber nicht sonderlich bedeutend. Hohe Ausgaben für TCGs bedeuten also nicht, dass jemand ein Glücksspielproblem hat. Menschen mit einer Glücksspielsucht geben nicht automatisch viel Geld für Packs aus.
Social Media und Trading Cards: Vom Hype zur Gefahr?
Das Sammeln von Karten ist keine Neuheit. Schon seit Jahrzehnten gibt es die verschiedensten Sammelkarten am Kiosk, im Supermarkt oder auch online.
Social Media macht dieses Sammeln sichtbar. Es hat sich zu einem präsenten, stark kommerzialisierten Phänomen entwickelt. Pack-Openings und seltene Karten werden auf TikTok, YouTube und Co. einem breiten Publikum gezeigt. Es wird also nicht mehr nur im Freundeskreis gesammelt, sondern im Feed.
Wir fassen die wichtigsten Entwicklungen für euch zusammen:
- Pack-Opening im Stream: Packs werden nicht im Wohnzimmer oder auf dem Spielplatz geöffnet, sondern im Livestream auf YouTube, TikTok, Whatnot und Co. Öffnen wird dadurch zum Content.
- Fokus auf große Pulls: Zieht ein Creator eine seltene Karte, entstehen daraus oft Reaktionen, Thumbnails und Shorts. Die Sichtbarkeit von außergewöhnlichen Karten nimmt dadurch zu. Enttäuschende Pulls sind deutlich seltener zu sehen.
- Sichtbarkeit von Gewinnen: Ihr seht als Nutzer immer wieder, wie andere gewinnen. Der Wunsch nach einem eigenen, seltenen Pull kann dadurch verstärkt werden.
- Zwischen Unterhaltung und Kauf: In den meisten Streams schaut ihr nicht nur zu, wie Karten geöffnet werden. Ihr könnt auch gleich Plätze und Produkte kaufen. Der Weg vom Zuschauen zum Kaufen ist sehr kurz.
- FOMO durch limitierte Sets: Zeigen Creator neue Releases oder limitierte Sets, setzt bei vielen Menschen die FOMO (Fear of Missing Out) ein. Ihr habt das Gefühl, etwas verpassen zu können, und tendiert dadurch zum Kauf.
- Fokus auf den Geldwert: In Streams und Videos wird oftmals der Wert der Karten in den Fokus gestellt. Auch die Wertsteigerung spielt dabei eine Rolle. Der Fokus verschiebt sich vom Sammeln auf die finanzielle Bedeutung.
Social Media hat das Sammeln nicht neu erfunden. Livestreams, Reactions und Co. können es aber beschleunigen, verstärken und permanent sichtbar machen. Dadurch werden nicht nur Kaufimpulse, sondern auch wiederkehrende Muster gefördert.
Die Gegenperspektive: Sammeln ist nicht automatisch Glücksspiel
Vielen Sammlern geht es einfach nur ums Sammeln. Sie möchten ihre Sets vervollständigen: Dafür kaufen sie nicht nur zufällige Packs, sondern haben es gezielt auf Einzelkarten abgesehen, die ihnen noch fehlen.
Auch wenn ihr ein Pack kauft, ist nicht jede zufallsbasierte Kaufentscheidung automatisch Glücksspiel. Für euch stehen vielleicht eher der Spielwert oder der Symbolwert im Fokus. Dann seht ihr die Karten auch nicht als Wert, sondern als Sammelobjekt. Ihr wisst, wo sie in euer Set gehören und wie sie euch im Spiel helfen können.
Viele Sammler tätigen bewusste Käufe und haben feste Budgets. Sie kaufen nicht impulsiv Packs und jagen auch keinen Pulls hinterher. Sie sammeln als Hobby, sind Teil der Community und spielen mit den Karten. Entscheidend ist also die Motivation, die dahintersteckt.
Das bestätigt uns auch ein langjähriger Sammler aus unserem Umfeld. Er sammelt seit vielen Jahren Yu-Gi-Oh!-Karten:
„Für mich geht es beim Sammeln überhaupt nicht um Packs, Booster und all so ein Kram. Mir geht es darum, meine Decks zu vervollständigen und mit den stärksten Karten zu spielen. Natürlich gebe ich dafür auch viel Geld aus, aber das ist ja auch mein Hobby. Meistens kaufe ich mir gezielt Einzelkarten, die ich haben will und die man nur schwer bekommt.“– Langjähriger Hobby-Sammler
Das sagen Sammler: Zwischen Hobby, Hype & Kontrollverlust
Wir haben in diesem Artikel viel über Sammeln, die Motivation dahinter und die Bedeutung für Sammler gesprochen. Uns interessiert aber natürlich auch, was Sammler selbst sagen. Was sagen sie zur Nähe von Trading Cards und Glücksspiel? Wann kippt es für sie?
Um uns einen ersten Überblick zu verschaffen, haben wir eine nicht repräsentative Umfrage gestartet. Wir wollten von Sammlern wissen, ab wann sich das Öffnen von Packs für sie nach Glücksspiel anfühlt und nicht mehr nach Sammeln. Es gab drei interessante Kategorien von Antworten:

In mehreren Antworten taucht die Gewinnabsicht als entscheidender Kipppunkt auf. Wenn Karten nur für Profit und Wiederverkauf gezogen werden, ist es für sie kein Sammeln mehr. Auch das Spekulieren auf große Gewinne scheint ein solcher Knackpunkt zu sein.
Einige wenige User sehen schon das Öffnen von Packs mit unbekanntem Inhalt als Glücksspiel an. Die Motivation ist für sie weniger entscheidend.
Comment by u/MiriamLovesSport94 from discussion in TCG
Übersetzung: Es ist Glücksspiel, wenn ihr die Packs öffnet, um die Karten weiterzuverkaufen.
Comment by u/MiriamLovesSport94 from discussion in TCG
Übersetzung: Wenn man es nur wegen der großen Gewinne macht, um dann gleich wieder zu verkaufen und mit dem Erlös noch mehr Karten zu kaufen.
Comment by u/MiriamLovesSport94 from discussion in TCG
Übersetzung: Wenn man keine der Karten verwenden möchte, die man möglicherweise aus einem Kartensatz zieht, und versucht bzw. hofft, mit dem Inhalt eines Packs Gewinn zu erzielen.
Brauchen Kinder und Jugendliche einen besonderen Schutz?
Trading Cards und Sammeln sind Hobbys von Kindern und Erwachsenen. Quer durch alle Altersklassen werden Karten, Sticker und Co. gesammelt. Doch bei Kindern und Jugendlichen können die Mechaniken anders wirken als bei Erwachsenen.
Oftmals kommen Kinder schon in jungen Jahren mit Pokémon, Yu-Gi-Oh! und Co. in Kontakt. Sie lernen das Prinzip „Kaufen, öffnen, eine seltene Karte ziehen“ schon früh kennen. Dabei fällt es den Heranwachsenden in der Regel schwerer, die Wahrscheinlichkeiten und die Werte einzuschätzen. Sie kennen die Pull-Rates nicht und können nicht einordnen, wie wahrscheinlich ein seltener Pull ist.
Der Kaufreiz kann außerdem durch die sozialen Medien verstärkt werden. Livestreams auf TikTok oder YouTube mit spektakulären Pulls können für Euphorie sorgen. Im Zweifel spielt auch der Wunsch, mit seinen Freunden mitzuhalten, eine Rolle.
Die große Gefahr ist, dass Sammelkarten von den meisten Eltern wahrscheinlich als Hobby angesehen werden. Dass dahinter ein Produkt mit glücksspielähnlichen Mechaniken steht, ist ihnen im Zweifel gar nicht klar.
Das Problem ist also nicht, dass Kinder Trading Cards sammeln. Entscheidend ist, dass sie lernen, das Hobby richtig einzuordnen.
Wie könnte der Sammlerschutz verbessert werden?
Trading Cards müssen nicht wie Glücksspiel reguliert werden, um einzelne Mechaniken transparenter und sicherer zu gestalten. Es stellt sich aber die Frage, welche Schutzmechanismen denn überhaupt angebracht wären und wo angesetzt werden könnte.
Uns sind fünf Kernpunkte aufgefallen:
- Mehr Transparenz bei den Wahrscheinlichkeiten: Nutzer sollten erkennen können, wie selten einzelne Karten sind.
- Klare Angaben zu Gewinnwerten: Insbesondere bei Mystery Packs sollte es Angaben dazu geben, welche Werte enthalten sein können und wie hoch die Wahrscheinlichkeiten sind.
- Verstärkter Jugendschutz: Vor allem bei digitalen Angeboten sollte es Altersgrenzen oder Einschränkungen für Jugendliche geben. Auch Informationen für Eltern sollten präsenter sein.
- Übersichtliche Ausgaben: Auf digitalen Plattformen sollte Nutzern eine Übersicht mit ihren Ausgaben geboten werden. Auch freiwillige Limits könnten hilfreich sein.
- Werbung klarer kennzeichnen: Wenn Influencer und Creator Packs öffnen oder bewerben, sollte Werbung immer eindeutig gekennzeichnet sein.
Schutz muss in diesem Zusammenhang nicht bedeuten, Sammler einzuschränken. Der Fokus sollte vielmehr auf Transparenz und Kontrolle liegen. Wenn Geldwert und schnelle Wiederholung zusammenkommen, sollten Schutzmechaniken zumindest auf freiwilliger Basis angeboten werden.
Trading Cards sind kein Casino – aber die Mechanik kann kippen
Trading Cards sind für Millionen von Menschen ein beliebtes Hobby. Sie sammeln Karten für ihr Deck, vervollständigen ihre Sammlung und spielen damit. Die Motivation ist die pure Freude am Sammeln.
Die Situation kippt, wenn es eben nicht mehr ums Sammeln geht, sondern um den Profit. Wer immer dem nächsten großen Pull nachjagt, sich stundenlang Livestreams anschaut und gängige Karten sofort weiterverkauft, könnte ein Problem entwickeln.
Weitere Warnzeichen sind Kontrollverlust, Chasing, Wiederholung, Livestream-Dynamik und überschrittene Ausgabenlimits. Dann kann das Kaufverhalten zunehmend Mustern ähneln, die auch aus dem Glücksspiel bekannt sind. Behaltet also immer eure Motivation im Auge.
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