Interview mit Michael Gruninger: Vom Kontrollverlust zur Haftstrafe – Teil 2

  • Im ersten Teil unseres Interviews hat Michael Gruninger erzählt, wie aus anfänglichem Daytrading Schritt für Schritt eine Spielsucht wurde.
  • Dabei wurde deutlich: Das Problem begann nicht erst mit hohen Verlusten. Kritisch wurde es, als Trading heimlich stattfand, Gewinne und Verluste nicht mehr geteilt wurden und der nächste Trade zur vermeintlichen Lösung für alles wurde.
  • Im zweiten Teil sprechen wir darüber, warum seine Sucht so lange unbemerkt blieb, welche Rolle Banken aus seiner Sicht hätten spielen müssen, wie es zur Gefängnisstrafe kam und welche Warnsignale andere Trader ernst nehmen sollten.
Ein Mann schaut auf sein Smartphone und sieht verzweifelt aus.

Spielsucht kann lange unerkannt bleiben und verheerende Konsequenzen haben. © OnlineCasinosDeutschland.com/ChatGPT

Weshalb Spielsucht so lange unsichtbar bleibt

Prellwitz: Wie wird die Spielsucht Ihrer Erfahrung nach im Vergleich zu anderen Suchterkrankungen wahrgenommen? Können Sie dazu etwas sagen?

Gruninger: Ja, wenn Sie die Spielsucht vergleichen mit Alkohol- oder Drogensucht, dann unterscheiden wir zwischen stoffgebundenen und nicht stoffgebundenen Süchten. Was die Spielsucht besonders macht, ist, dass sie nicht sichtbar ist. Sie sehen es denjenigen, die davon betroffen sind, nicht an.

Nehmen Sie mein Beispiel. Ich habe nach außen auf mein Umfeld gewirkt wie ein Sunnyboy, dem es immer nur gut geht. Und innerlich habe ich schlimmste Kämpfe ausgefochten. Das macht es eben so gefährlich.

Wenn es dann später rauskommt, kriegen Sie diese zwei Menschen nicht übereinander. Sie sagen: „Der war doch immer gut gelaunt, der war doch immer freundlich, der war doch immer verbindlich. Wie kann der jetzt plötzlich so was machen? Wie kann es sein, dass ich überhaupt nichts mitbekommen habe?“ Einem Alkoholiker oder Drogenabhängigen sehen Sie die Sucht dagegen irgendwann auch äußerlich an.

Das andere Problem ist die gesellschaftliche Wahrnehmung. Weil die Krankheit nicht äußerlich gesehen wird, wird sie oft auch nicht geglaubt oder bagatellisiert. Spielsucht ja, aber was das wirklich bedeutet, welche Mechanismen da in einem Betroffenen ablaufen und welche Persönlichkeitsveränderungen dadurch stattfinden können, wird nicht richtig wahrgenommen.

Oft wird unterstellt, dass Spielsucht als Ausrede genutzt wird. In meinem Prozess hat auch ein Betroffener ausgesagt, dass ich die Spielsucht vorschieben würde, um eine niedrigere Strafe zu erhalten. Das psychiatrische Gutachten hat das Gegenteil bewiesen, aber so ist leider oft noch die gesellschaftliche Wahrnehmung.

Trotzdem habe ich Verständnis für diese Wahrnehmung. Wenn jemand durch einen Spielsüchtigen geschädigt wurde, ist man enttäuscht, gerade weil Vertrauen missbraucht wurde.

Aber trotzdem ist auch die Frage legitim: Wer macht denn so etwas freiwillig? Schauen Sie meine Historie an. Niemand tut sich so etwas freiwillig an.

Ich habe nicht Menschen um Geld betrogen, um mit dafür auf den Cayman Islands Rücklagen zu schaffen oder irgendwo ein Haus zu kaufen. Das Geld ist wirklich eins zu eins in der Spielsucht untergegangen.

Prellwitz: Glauben Sie, dass man diese Fassade beim Spielen viel besser aufrechterhalten kann als beispielsweise bei einer Alkoholsucht?

Gruninger: Ja, definitiv. Ich wurde sehr gut darin, diese Fassade aufzubauen und zu halten. Mein Umfeld hat davon überhaupt nichts mitbekommen, selbst meine besten Freunde nicht. Das schaffen Sie bei stoffgebundenen Süchten nicht in diesem Maße.

Prellwitz: Wirklich niemand?

Gruninger: Natürlich hat zum Beispiel jemand in der Firma mitbekommen, dass bei mir Börsenkurse auf dem PC liefen. Aber ganz ehrlich, bei wem laufen denn heute keine Börsenkurse? Das ist ja das Schlimme.

Prellwitz: Ja, man denkt sich nichts dabei.

Gruninger: Ich war letztes Wochenende einen Tag Wellness machen. Da war ich in der Sauna und konnte von dort auf den Liegen draußen einen Mann am Handy sehen.

Was macht ein Durchschnittsmann am Handy? Kurz WhatsApp checken und dann die Börsenkurse aufrufen. Das macht heute fast jeder.

Das trifft so den Zeitgeist und ich will auch nicht, das Traden oder das Anlegen an sich verteufeln. Aber der Grat, bis es ungesund wird, ist schmal.

Deswegen ist es überhaupt kein Alarmsignal heutzutage, wenn jemand über Börse spricht oder die Kurse auf dem Handy checkt. Sondern es ist erstmal cool oder geschäftstüchtig.

Prellwitz: Ja, es wird auch ein bisschen mit Kompetenz verbunden. Ich meine, wenn ich übertrieben gesagt bei meinem Arbeitskollegen einen Flachmann im Büroschrank finde, dann denke ich, hier stimmt was nicht. Aber wenn mein Kollege die Börsenkurse checkt, dann denke ich: „Oh wow, cool, der beschäftigt sich damit, der hat was drauf, der weiß was.“

Gruninger: Genau das ist das Problem, und deswegen können Sie natürlich auch eine Fassade ziemlich gut aufrechterhalten. Und dazu kommt, dass Sie heute überall in Sekundenschnelle traden können.

Es ist so unglaublich einfach geworden. Ob Sie jetzt 1.000 € oder 2 Millionen € investieren, sind drei Klicks in beiden Fällen. Deswegen ist die Schwelle so niedrig, auch höhere Beträge einzusetzen.

Ein Mann hat sein Depot auf seinem Smartphone geöffnet. Daneben liegt seine Bankkarte.

Hätten die Banken früher eingreifen müssen?

Prellwitz: Wir haben gerade darüber gesprochen, dass man Ihnen vielleicht die Konten hätte sperren sollen. Wie ist denn Ihrer Meinung nach die Rolle der Bank in der ganzen Geschichte? Also, ist da irgendwann mal irgendjemand auf Sie aufmerksam geworden? Hat Sie da jemand angesprochen oder lief das einfach so über Jahre hinweg?

Gruninger: Ja, das ist ein wichtiges Thema, gerade heute, wenn man über Präventionsmaßnahmen spricht. Ich weiß, dass die Banken über mein Tradingverhalten intern alarmiert waren. Aber sie haben nichts gesagt oder getan.

Prellwitz: Woher wissen Sie, dass die intern alarmiert waren?

Gruninger: Zum einen einfach aus dem faktischen Wissen, dass sie alarmiert sein mussten. Mein Verhalten war so auffällig, dass jedes Glücksspielunternehmen oder jeder Sportwetten-Anbieter heute bei solchen Dingen sofort reagieren muss.

Es ist extrem auffällig, wenn Sie einen Anleger haben, der hohe Summen investiert, diese verliert, sofort wieder neues Geld einzahlt und immer wieder stur das gleiche Investment tätigt und sich dieses Muster in Endlosschleife wiederholt.

In meinem Fall hatte die Bank noch zusätzlich Einsicht und Transparenz über mein Depot, mein Privatkonto, das Konto meiner Mutter, das Konto meiner Frau und das Firmenkonto. Die haben jede Bewegung gesehen und wussten, woher die eingesetzten Gelder kamen.

Außerdem gab es noch eine besondere Gegebenheit. Mein Depot war nach einem Verlusttrade eigentlich bei 0 € und dann ist ein kurzfristiger Buchungsfehler passiert. Nur für ein paar Minuten wurde ein Guthaben von 80.000 € ausgewiesen, vermutlich ein kurzfristiger Fehler bei der Steuerberechnung.

Ich habe diese 80.000 € sofort investiert. Und es hat keine halbe Stunde gedauert, bis ein Anruf der Bank kam, um mir zu sagen, dass das Geld zurückgezahlt werden muss.

Ich habe das Geld dann später zurückbezahlt. Daraufhin haben sie mir das Depot nach über zehn Jahren gekündigt.

Prellwitz: Also nur wegen dieses Fehlers?

Gruninger: Ja, weil es in diesem Fall zu Lasten der Bank gegangen wäre. Sie haben also erst reagiert, als es ihr Geld betroffen hat, aber dann ganz schnell. Solange es “nur” mein Geld betraf, war es ihnen egal.

Prellwitz: Okay, also bis dahin ist nichts. Man hat Sie einfach machen lassen, keine Nachfragen oder irgendwas?

Gruninger: Genau. In der Anfangszeit haben wir und sogar noch ein bisschen über das Depot unterhalten. Ab dem Moment, wo die Verluste eintraten, hat es jeder totgeschwiegen.

Heute ist die Wissenschaft bei der Einordnung von Trading als Glücksspiel weiter als noch vor drei Jahren. Das ist auch Ihrem Artikel zu verdanken, dass das jetzt in den Fokus gerückt wird. Da muss etwas passieren und auch die Anbieter, in dem Fall die Banken, müssen verpflichtet werden, den Anleger zu schützen, wenn er es wie ich damals selbst nicht mehr kann.

Prellwitz: Wie müsste das Ihrer Meinung nach konkret aussehen? Also, was müsste da passieren? Was hätte Ihnen geholfen?

Gruninger: Zur Not muss es harte Maßnahmen geben. Die Bank hätte zum Beispiel irgendwann das Depot sperren können, bis geklärt ist, was da gerade vor sich geht.

Natürlich wäre ich auf die Barrikaden gegangen und hätte mich mit Händen und Füßen gewehrt, aber so wäre das Thema auf den Tisch gekommen.

Wenn sie erstmal für vier Wochen einen Block reingehauen hätte und in der Zeit nähere Informationen gefordert hätte, dann wäre etwas ins Rollen gekommen. Und das muss bei so auffälligem Trading-Verhalten wie meinem aus meiner Sicht unbedingt passieren, auch wenn es unangenehm ist.

Prellwitz: Also, wie Sie das jetzt alles erzählt haben, dass nie irgendjemand was gesagt hat oder zumindest Sie mal angerufen hätte oder irgendwas. Das klingt für mich so, dass ich das gar nicht glauben kann. Weil wenn ich jetzt mein Konto überziehe oder sonst was damit mache, wird mir innerhalb von ein paar Tagen das Konto gesperrt. Oder ich werde zum Gespräch zitiert, aber dass bei so einem Verhalten einfach gar nichts passiert, finde ich unglaublich.

Gruninger: Aber das betrifft dann bei der Kontoüberziehung das Geld der Bank. Und nicht Ihr Geld.

Prellwitz: Ja, verstehe. Also, meinen Sie, da ist der Unterschied?

Gruninger: Da ist die Grenze. Ich habe es so erlebt. Auch, wie dann recht freundschaftliche und intensive Gespräche mit den Bankberatern weniger werden, wenn der Depotstand weniger wird.

In der Zukunft wird Trading, ab einer bestimmten Risikostufe, auch als Glücksspiel definiert.

Zum Zeitpunkt meines Urteils und des Prozesses war das noch nicht so. Es wurde damals ein Gutachten erstellt, das auf Spielsucht untersuchen sollte. Die Staatsanwaltschaft hatte einen forensischen Gutachter beauftragt, im Glauben daran, dass da nichts rauskommt. Das hat sich in meinem Fall aber völlig anders dargestellt und es wurde sogar verminderte Schuldfähigkeit festgestellt. Das kommt in der Justiz nur äußerst selten vor.

Damals (Ende 2023) wurde in meinem Prozess noch die Frage gestellt, ob Trading überhaupt Glücksspiel sei. Damals war die Wissenschaft noch auf dem Stand, dass das eher nicht der Fall ist. Der Gutachter hat aber schon über den Tellerrand hinausgeschaut und festgestellt, dass es sich in meinem Risikobereich, in dem ich getradet habe, definitiv um Glücksspiel handelte.

Auf Trading-Verluste folgte die Haftstrafe

Prellwitz: Er hat es an diesem enormen Risiko, das Sie eingegangen sind, festgemacht? Das war aus Sicht des forensischen Gutachters der springende Punkt? Oder was sprach bei Ihnen für eine Glücksspielsucht?

Gruninger: Ja, ich denke schon. Er hat festgestellt, dass man in verschiedenen Bereichen und in verschiedenen Risikoklassen handeln kann. Ab einer gewissen Risikoklasse entspricht das Traden definitiv und sogar extrem dem Glücksspiel. Gerade dann, wenn Sie sich im Daytrading befinden und mit Knock-out-Zertifikaten handeln.

Sie können auf steigende oder fallende Kurse spekulieren. Das ist dann ähnlich zum Casino am Roulettetisch: rot oder schwarz. Das Gefährliche bei der Börse ist auch: Sie können eigentlich recht haben und trotzdem verlieren. Zum Beispiel, wenn Sie auf steigende Kurse spekulieren und der Markt aber nochmal einen kleinen Schlenker nach unten macht und dann erst steigt.

Mir ging das häufig so. Meine Einschätzung war oft richtig, aber der Markt hat trotzdem seine Kapriolen gedreht und die haben mich regelmäßig rausgespült.

Prellwitz: Sie reden gerade über die juristische Seite. Wollen Sie unseren Lesern kurz erklären, wie das überhaupt alles passiert ist? Traden ist ja erstmal nicht strafbar. Wie ist das gekommen, dass Sie in rechtliche Probleme geraten sind?

Gruninger: Richtig, das Traden ist keine Straftat. Das Problem war in meinem konkreten Fall, dass sich Muster ausgebildet haben, die bei mir zu starken Persönlichkeitsveränderungen geführt haben.

Das heißt, ich weiß zwar, wenn ich mir bei jemandem Geld leihe im Wissen, ich kann es nicht sicher zurückbezahlen kann, dass das nicht in Ordnung ist. Aber bestimmte kognitive Prozesse wurden nicht mehr aktiv durchlaufen. Das bedeutet, mir stand diese Beurteilung zwischen richtig und falsch nicht mehr vollständig zur Verfügung.

Ich habe einfach nur gesehen: Ich brauche das jetzt. Es ist zwar nicht ganz richtig, aber es wird am Ende bekommt jeder sein Geld. Keiner wird geschädigt und dann ist alles gut. Nachdem ich alle privaten Mittel ausgeschöpft hatte, auch in der Familie und auch aus der Firma keine Mittel mehr zur Verfügung standen, habe ich begonnen, im privaten Umfeld zu schauen, wer mir Geld leihen könnte.

Diese Darlehen habe ich mit falschen oder nicht mehr existierenden Sicherheiten hinterlegt, zum Beispiel mit einer Grundschuld auf ein Haus, das mir gar nicht mehr gehört. Das war am Ende natürlich Betrug, auch wenn das nicht meine eigentliche Absicht war.

Für diese Taten bin ich dann angeklagt und später auch verurteilt worden. Die Besonderheit, dass verminderte Schuldfähigkeit festgestellt wurde, hätte auf das Strafmaß erheblichen Einfluss haben können. Viel wichtiger war für mich aber, dass offiziell klar dokumentiert wurde, dass die Taten nicht aus krimineller Energie oder Habgier begangen wurden. Es wurde festgestellt, dass krankheitsbedingte Gründe maßgeblich waren.

In meinem Fall hat die Spielsucht zu einer juristisch relevanten Schadenssumme von 1,6 Millionen € geführt. Dafür bin ich zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 10 Monaten verurteilt worden, von der ich zweieinhalb Jahre tatsächlich im Gefängnis verbringen musste. Dann bin ich im Juli diesen Jahres zum sogenannten Zweidrittel-Zeitpunkt entlassen worden.

Das ist üblich für Menschen, die das erste Mal eine Strafe verbüßen und die sich im Vollzug gut führen.

Prellwitz: Meinen Sie, der Gefängnisaufenthalt war vielleicht für Sie die letzte Ausfahrt? Und was hat das in Bezug auf Ihre Suchterkrankung gebracht?

Gruninger: Leider ja. Ich musste wohl auf diese Ausfahrt zusteuern, weil alles, was ich davor versucht habe, was auch das Umfeld versucht hat, nicht ausreichend war.

Das Gefängnis ist brutal. Es gibt dort nichts Gutes oder Schönes. Es ist eine wirkliche Strafe. Aber für die nötige Abstinenz und das Loskommen von der Sucht war es sehr gut.

Sie sind dort 22 Stunden am Stück in einer Zelle. Sie haben kein Handy, haben kein iPad und keine Börsenkurse. Sie haben einfach gar nichts, außer einem Fernseher und ein paar Büchern.

Ich war so weit wie irgendwie möglich von all den Themen weg. Und das hilft sehr, Abstinenz zu lernen. Bis heute bin ich zum Glück rückfallsfrei.

Ich habe in der stationären Therapie, aber natürlich auch in der Verarbeitung und durch das Schreiben meines Buches gelernt, Situationen zu erkennen, die brenzlig sind. Im Gefängnis habe ich gelernt, dass es Zustände gibt, die man nicht ändern kann und akzeptieren muss. Etwas, das ich davor nur sehr schlecht konnte, ich habe immer gekämpft.

Und genauso ist es in der Sucht: Man muss akzeptieren, dass es Probleme gibt, für die es nicht direkt eine Lösung gibt. Wenn Sie aus diesem Muster ausbrechen, alles sofort lösen zu müssen, und stattdessen sagen: „Ich kann vielleicht jetzt dieses Problem heute auch gar nicht lösen“, dann ist ganz viel geschafft.

Prellwitz: Sie hatten vorher schon eine Therapie angefangen, wo Sie sagten, Sie konnten das nicht annehmen. Das konnten Sie oder mussten Sie dann, als Sie im Gefängnis waren?

Gruninger: Genau, ich habe vor der Verhaftung eine dreimonatige stationäre Therapie gemacht. Das war wirklich dann der Beginn der letzten Ausfahrt. Und diese hat mir sehr gut getan.

Die ersten eineinhalb Monate waren richtig schwierig. Ich musste erstmal aus diesem Gedankenkarussell ausbrechen und mich auf das Setting einlassen.

Es gibt ja den Spruch: „Du bist am Ende der Therapie geheilt und nicht am Anfang.“ Die Therapie ist ein Prozess und am Ende des Prozesses steht der Erfolg. Nicht am Anfang. So war es auch bei mir.

Prellwitz: Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Rolle von Spielsucht in der Justiz gewesen? Sie können aus erster Hand berichten, wie das gelaufen ist. Gäbe es da Ihrer Meinung nach Änderungsbedarf? Wir hatten gerade schon gesagt, damals war Daytrading noch gar nicht so wirklich als Glücksspiel eingeordnet. Das scheint sich jetzt schon ein bisschen geändert zu haben.

Gruninger: Ja, ganz klar. Also, zum einen ist es die Wahrnehmung der Krankheit, die immer noch geschärft werden muss. Dass es wirklich als Krankheit mit den Mechanismen, mit den Problematiken anerkannt wird. Auch wenn ich natürlich weiß, dass es in der Justiz auch oft einfach behauptet wird, um die Strafe zu reduzieren.

Aber die Gutachter und die Personen, die damit betraut sind, können schon sehr genau feststellen und sehr genau unterscheiden, ob ihnen jemand etwas auswendig Gelerntes erzählt oder etwas, was er wirklich erlebt hat.

Prellwitz: Denen kann man nicht einfach etwas vortäuschen oder sie an der Nase herumführen? Das höre ich nämlich sehr oft in diesem Kontext.

Gruninger: Nein, das können Sie nicht. Der Gutachter erkennt an Ihrer Erzählweise, ob Ihre Schilderungen authentisch sind. Ihre Erzählweise, Ihr Involvement ist ganz anders, als wenn Ihnen jemand vorab erklärt hat, was Sie sagen sollen.

Und bei mir hatte er zusätzlich auch die Fakten in der Akte. Aber in der Justiz ist es oft der Fall, dass die Gutachter, ihr Urteil an das anlehnen, was die Staatsanwaltschaft hören möchte, damit sie öfter Aufträge kriegen.

Was ich in jedem Fall ändern oder verbessern wollen würde, ist der Umgang mit der Krankheit. Wenn Sie vor Gericht stehen und eine Drogen- oder Alkoholvergangenheit haben, kriegen Sie in der Regel statt der Haftstrafe eine Therapieverordnung.

Man sollte das jetzt das nicht missverstehen. Diese Kliniken sind auch kein Zuckerschlecken und sind auch kein Schlaraffenland. Aber es geht darum, dass dort therapeutisch gearbeitet wird. Das heißt, da können Sie sich mit Ihrer Sucht auseinandersetzen.

Im Gefängnis sind Sie weggesperrt. Da passiert überhaupt gar nichts. Und diese Möglichkeit gibt es bei Spielsucht nicht. Bei Spielsucht gibt es entweder verminderte Schuldfähigkeit oder nichts, aber nicht die Möglichkeit der Therapie. Und Sie können auch im Gefängnis keine Therapie machen.

Prellwitz: Sie haben im Gefängnis also gar nicht weiter an Ihrer Spielsucht gearbeitet? Das erfolgte nur in der stationären Therapie vorher?

Gruninger: Nein, im stationären Vollzug ist das nicht möglich. Erst später dann, als ich in den offenen Vollzug kam, habe ich mich selbst um eine ambulante Therapie gekümmert.

Im Gefängnis passiert gar nichts, weil die das nicht leisten können und wollen. Das heißt, im schlechtesten Fall gehen sie genauso untherapiert raus wie rein. Und daran muss man wirklich arbeiten.

Nachdem ich mich dann entschieden hatte, das Buch zu schreiben, habe ich mich ganz intensiv mit meiner Geschichte auseinandergesetzt und an mir selbst gearbeitet. Das hat mir sehr viel gebracht.

Prellwitz: Das heißt, im schlimmsten Fall startet man direkt mit dem Rückfall, sobald man raus ist, und alles geht wieder von vorne los?

Gruninger: Die Gefahr ist groß, ja.

Wie Michael Gruninger heute mit seiner Geschichte umgeht

Prellwitz: Sie haben gerade schon Ihr Buch angesprochen. Was können unsere Leserinnen denn davon erwarten? Ehrliche Worte und Ihre Geschichte? Erzählen Sie uns ein bisschen darüber.

Gruninger: Wenn Sie mich vor zwei Jahren gefragt hätten, ob ich jemals in meinem Leben ein Buch schreiben würde, hätte ich gesagt: Niemals. Zum einen hätte ich nie gedacht, dass das jemand lesen möchte, und zum anderen, weil ich mich auch nie als Autor gesehen habe.

Aber dann entstand langsam die Idee. Was Sie im Gefängnis erleben, ist nicht alltäglich. Meine Mutter hat gesagt: „Schreib das alles auf.“ Und dann begann die Idee im Kopf zu reifen. Mir war aber relativ schnell klar, dass niemand ein weiteres Gefängnisbuch braucht. Davon gibt es schon genug.

Anfangs habe ich es als Möglichkeit gesehen, mich mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich habe dann auch meine ambulante Therapeutin im Kopf gehabt.

Sie hat im Jahr 2021 als ein Rückfall nach dem anderen kam, gesagt, dass sie mit mir nur dann weiterarbeiten könne, wenn ich die Biografie des Zockens aufschreibe. Damals war ich dazu nicht bereit. Es tat zu sehr weh.

Im Gefängnis war dann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Ich habe ein Konzept entwickelt, was das Buch beinhalten könnte. Wenn es ein ernst gemeintes Projekt ist, braucht es einen Buchvertrag. Mir wurde gesagt, dass das in der Regel vier bis sechs Monate dauern kann, falls man überhaupt einen Vertrag bekommt. Denn der Buchmarkt ist sehr eng umkämpft.

Ich habe das Konzept einem Verlag vorgestellt und ungelogen nach einem halbstündigen Telefonat mit dem Geschäftsführer des Verlages aus dem Auto heraus eine mündliche Zusage erhalten. Er hat sofort an das Thema und an mich als Kopf hinter der Geschichte geglaubt.

Die Idee des Buches war zum einen, meine Geschichte zu erzählen. Das heißt, auf die Krankheit anhand meiner Biografie hinzuweisen. Welche Phasen das durchlaufen kann, was alles passieren kann und wie schlimm das dann auch enden kann. Das Buch beinhaltet aber auch einen großen Teil mit Ratschlägen für Betroffene, für Angehörige und deren Umfeld. Wie gehe ich damit um? Was soll ich tun? Was soll ich in keinem Fall tun?

Ich dachte, nur meine Geschichte zu erzählen, ist schön und gut. Aber das Buch soll über die Erzählung hinaus auch konkrete Möglichkeiten aufzeigen, wie man sich verhalten soll, und wie man problematisches Verhalten feststellen kann. Ich wollte etwas Konkretes an die Hand geben, was für den Leser auch einen Mehrwert bietet.

Ich habe dann gemerkt, dass das Thema wirklich bewegt und in der Gesellschaft angekommen ist. Dann hat ja auch der Spiegel im April meine Geschichte aufgegriffen und einen Artikel über die Geschichte geschrieben. Daraus hat sich im Nachgang viel entwickelt, das mir auch bei meinem Neustart geholfen und eine klare Perspektive gegeben hat.

Für mich war ganz entscheidend, in meinem Buch absolut ehrlich und schonungslos mit mir selbst umzugehen. Es ist kein schönes Thema. Gerade in der Sucht neigt man dazu, sich selbst besser darzustellen und schambehaftete Dinge nicht zu erzählen.

Ich wollte jetzt vollständig und ehrlich alles auf den Tisch legen, wie es gewesen ist und was passiert ist, und mich nicht als Opfer darstellen. Sondern einfach zu sagen: Es gibt diese Krankheit und wenn Sie davon betroffen sind, können all diese Dinge passieren.

Das Schreiben hat mir selbst sehr viel gebracht. Es tut wirklich weh, ehrlich hinzuschauen. Ich sehe das heute, als würde ich auf mein altes Ich schauen. Ich kann es ja selbst mittlerweile gar nicht fassen, was da alles passiert ist.

Wenn Sie drinstecken, ist es ein anderes Erleben. Das hat mir sehr gut getan – gerade für die Zukunft, um dann auch abstinent und achtsam bleiben zu können. Selbst wenn das Buch nicht von vielen gelesen werden sollte, hat es für mich einen großen Mehrwert gehabt.

Das Buch von Michael Gruninger trägt den Namen Mission Spielfrei – Mein Weg durch Sucht, Verlust & Neuanfang. Es erscheint am 5. Oktober 2026 im Mentoren-Media-Verlag.

Cover des Buches „Mission Spielfrei“ von Michael Gruninger.

Prellwitz: Sie haben gerade schon kurz angesprochen, dass Sie anderen ein bisschen was mit auf den Weg geben möchten. Könnten Sie drei Warnsignale benennen, bei denen man vorsichtig werden sollte? Oder bei denen die Alarmglocken angehen sollten, wenn man selbst tradet, oder vielleicht man jemanden an der Seite hat, der tradet?

Gruninger: Es gibt das Sprichwort: „Trade nur mit Geld, das du nicht brauchst.“ Das war früher der klassische Ansatz: Leg dein Geld an. Schau zehn Jahre nicht drauf, dann hast du Geld verdient. So, heute geht das natürlich alles schneller, das ist klar. Aber das Wichtigste ist erstmal, sich eine klare Grenze zu setzen.

Das heißt, welches Geld nutze ich dafür? Das muss Geld sein, das vielleicht wehtut, wenn es weg ist, aber eben verkraftbar ist. Es wird problematisch, wenn Sie nach Verlusten nachschießen. Das ist das erste klare Warnsignal.

Es wird ganz problematisch, wenn Sie anfangen, die Dinge schönzureden oder sie zu verheimlichen. Weil dann eine Grenze überschritten ist, bei der Sie selbst merken, dass es nicht richtig ist, was Sie tun, aber Sie es trotzdem tun.

Und die letzte endgültige rote Linie ist, wenn Sie Geld einsetzen, das Ihnen nicht gehört. Wenn Sie sich vielleicht sogar Geld fürs Trading besorgen. Am Anfang kriegen Sie vielleicht von der Bank noch Geld. Für jemanden Außenstehenden ist es gar nicht so einfach zu merken.

Da würde ich noch einen Tipp geben: Wenn jemand zu Ihnen kommt und sich Geld leiht und eine Geschichte erzählt, die nicht völlig stimmig ist und Sie merken, dass da vielleicht etwas nicht stimmt, dann hören Sie wirklich achtsam hin. Und vor allem verleihen Sie dann kein Geld.

Ich denke, ich würde es mittlerweile sofort merken, wenn jemand mir eine Geschichte erzählt, um an Geld zu kommen, das er für solche Dinge braucht. Aber ich bin geschult darin, weil ich es selbst erlebt habe.

Menschen, die selbst von Spielsucht betroffen sind oder jemanden kennen, der unter der Sucht leidet, können sich gerne an Hr. Gruninger wenden. Ihr erreicht ihn per E-Mail unter michael@gruninger.net oder über seinen Instagram-Account Mission_Spielfrei. Auch Firmen und Institutionen, die Aufklärung betreiben möchten, können sich gerne an ihn wenden.

Was die Community von Hr. Gruninger wissen wollte

Um auch die Perspektive der Community einzubinden, haben wir anonym auf Reddit gefragt, was Nutzer von einem ehemaligen Daytrader wissen möchten, der jahrelang von Spielsucht betroffen war, hohe Summen gewonnen und verloren hat und heute offen über seine Geschichte spricht.

Aus den Antworten haben wir drei Fragen ausgewählt und sie Michael Gruninger im Interview gestellt. Seine Antworten zeigen, welche Punkte viele Leser besonders beschäftigen: Grenzen beim Trading, der Einfluss auf Beziehungen und die Rolle von Hilfe aus dem Umfeld.

Prellwitz: Gab es Geld, das Sie sich eigentlich als Grenze gesetzt hatten und trotzdem irgendwann angerührt haben?

Gruninger: Ja, ganz viel und ganz oft habe ich diese Grenze überschritten. Nämlich immer wieder, wenn kein Geld mehr da war. Ich habe mit dem Trading begonnen, mit dem Geld, das im Depot zur Verfügung stand. Gar nicht mit dem Gedanken, das könnte jemals weg sein. Als es dann weg war, war es eigentlich schon die erste Grenze.

Später war für mich die absolute Untergrenze das Wohnhaus. Am Ende habe ich auch davor nicht Halt gemacht.

Prellwitz: Hat die Sucht Sie Freundschaften oder sogar enge Familienmitglieder gekostet?

Gruninger: Ja, also da sind natürlich Ungerechtigkeiten entstanden und vor allen Dingen auch Vertrauensbrüche durch mich geschehen, die schwer wiegen. Es gibt Menschen, die den Kontakt komplett abgebrochen haben, zumindest bis jetzt.

Die Familie ist zum Glück intakt, auch wenn dort noch nicht alles geklärt ist. Leider kostet die Spielsucht Menschen, Verbindungen und Freundschaften. Zum Glück deutlich weniger, als ich im Gefängnis befürchtet habe.

Ich habe sehr viele gute Begegnungen gehabt und sehr viele Menschen getroffen, die mir Mut zugesprochen haben.

Aber es gibt auch wenige, die auch ohne Gespräch einfach den Kontakt abgebrochen haben. Ich würde mir wünschen, dass wir zumindest mal ins Gespräch kommen würden. Wer weiß, ob das irgendwann vielleicht passiert.

Prellwitz: Gab es Menschen in Ihrem Umfeld, die Ihnen Hilfe oder Therapie vorgeschlagen haben? Wie haben Sie damals darauf reagiert?

Gruninger: Ja, in der Familie kam das Thema auf und ich habe nicht richtig darauf reagiert, weil ich innerlich nicht so weit war und mich nicht für therapiebedürftig gehalten habe. Ich bin die ambulante Therapie eingegangen, die mir in vielen anderen Bereichen auch gut getan hat. Aber das Thema Börse habe ich dort eher klein geredet.

Es ist ganz wichtig, dass man auch an den richtigen Therapeuten gerät, der zu einem passt. Ich brauche eher jemanden, der mich stärker fordert und nicht so leicht aus der Ringecke lässt.

Ganz wichtig ist zu wissen: Die Familie ist kein Therapeut. Die Familie kann vielleicht die Grundlagen schaffen, dass eine Therapie stattfindet. Aber sie kann nicht therapieren. Sie ist viel zu nah dran, viel zu emotional involviert.

Was andere Trader aus Michael Gruningers Geschichte lernen können

Michael Gruningers Geschichte zeigt, wie schmal die Grenze zwischen Trading, Kontrollgefühl und Verlustjagd werden kann. Gefährlich wurde es bei ihm nicht erst, als hohe Summen verloren gingen. Kritisch wurde es, als Verluste verschwiegen wurden, neues Geld nachgeschossen wurde und der nächste Trade zur einzigen vermeintlichen Lösung wurde.

Damit erinnert sein Fall an ein Muster, das auch beim problematischen Glücksspiel eine zentrale Rolle spielt: Der nächste Einsatz soll nicht mehr nur Gewinn bringen, sondern vorherige Verluste ausgleichen. Für andere Trader bleiben deshalb klare Warnsignale: Wer Geld einsetzt, das eigentlich tabu war, wer Verluste verheimlicht oder wer sich Geld besorgt, um weiterzutraden, sollte sofort Abstand gewinnen und sich Hilfe suchen. Auch Angehörige sollten hellhörig werden, wenn Erklärungen für Geldbedarf nicht mehr stimmig wirken.

Das gilt nicht nur beim Daytrading. Auch beim Glücksspiel sind Heimlichkeit, geliehenes Geld und der Versuch, Verluste sofort zurückzuholen, klare Alarmsignale.

Der Fall zeigt außerdem: Daytrading ist nicht automatisch Glücksspiel. Doch wenn Geschwindigkeit, hohe Einsätze, ständige Verfügbarkeit und Verlustjagd zusammenkommen, können ähnliche Mechanismen entstehen wie beim problematischen Glücksspiel. Genau dann zählt nicht der nächste Trade oder der nächste Einsatz, sondern der rechtzeitige Stopp.

Ähnliche Beiträge