Exklusives Interview mit Michael Gruninger: Wie Daytrading zur Spielsucht wurde – Teil 1

  • Er hat über 2 Millionen € verloren, saß im Gefängnis und hat jetzt ein Buch geschrieben.
  • Die letzten zehn Jahre verliefen für Michael Gruninger turbulent. Aus anfänglichem Daytrading hat sich eine Suchterkrankung entwickelt.
  • Im Interview erzählt er uns, wie es dazu kam, wie seine familiäre Geschichte dazu beigetragen hat und wie er schlussendlich im Gefängnis gelandet ist.
Ein Mann sitzt in seinem Büro und verfolgt die Börsenkurse.

Traden wird oft mit Kompetenz verbunden – kann aber auch in die Spielsucht führen. © OnlineCasinosDeutschland.com/ChatGPT

Warum wir mit Michael Gruninger über Daytrading & Spielsucht sprechen

Anfang Juli haben wir einen Artikel zum Daytrading veröffentlicht: „Wenn Trading zur Wette wird: Warum Daytrading jetzt im Glücksspiel-Survey auftaucht“. Daraufhin hat sich Herr Gruninger bei uns gemeldet.

Er ist selbst Betroffener: Er litt jahrelang an einer Spielsucht, die ihn schlussendlich sogar ins Gefängnis gebracht hat. Inzwischen hat er mehrere Interviews zu dem Thema gegeben und ein Buch zu der Thematik geschrieben. Damit betreibt er Aufklärung und hilft Betroffenen und Angehörigen bei der Suchtbekämpfung.

Wir haben ihn zum Interview getroffen. Dabei sind wir auf den Grund gegangen, wie die Spielsucht bei ihm entstanden ist, welche Warnsignale es gibt und welche Schutzmechanismen dringend eingeführt werden müssen. Wir haben ihm außerdem eure Fragen übermittelt.

Aufnahme von Michael Gruninger.

Erstes Kapitel: Familienunternehmen, Insolvenz & der Beginn einer Krise

Prellwitz: Herr Gruninger, möchten Sie sich und Ihre Geschichte kurz vorstellen?

Gruninger: Gerne. Mein Name ist Michael Gruninger. Ich komme aus Freiburg. Ich habe dort bis zum Abitur gelebt. Ich habe nach dem Abitur eine Metzgerlehre gemacht, weil unser Familienbetrieb im Bereich der Fleisch- und Wurstwaren tätig war. Das war ein alteingesessenes Familienunternehmen, das am Ende über 100 Jahre bestand.

Ich habe in München Betriebswirtschaft studiert an der Ludwig-Maximilians-Universität. Dann bin ich im Jahr 2005 nach dem abgeschlossenen Studium zurück nach Freiburg gekommen und bis heute auch dort geblieben.

Ich bin dann in das Familienunternehmen eingestiegen, als Geschäftsführer, mit meinem Vater zusammen. Wir haben das Unternehmen auch noch mit meinem Bruder bis ins Jahr 2012 geführt.

Es gab dann einige einschneidende Ereignisse, die später auch zum weiteren Teil der Geschichte geführt haben.

Im Jahr 2008 ist das Unternehmen komplett abgebrannt. Und wir haben dann neu aufgebaut und wirklich sehr schnell, vielleicht rückblickend zu schnell, die Entscheidung des Wiederaufbaus getroffen. 2010 sind wir dann mit einem neuen Betrieb wieder an den Start gegangen. Aber die Zeiten waren dann zu schwierig und unsere Rücklagen so gering, dass wir im Jahr 2012 Insolvenz anmelden mussten.

Im selben Jahr ist noch mein Vater gestorben, das war Ende 2012, und das ist mit der Beginn der Geschichte, über die wir uns unterhalten.

Prellwitz: Zu der Zeit kam bei Ihnen einiges zusammen…

Gruninger: Genau, vor allen Dingen, wenn Sie doch recht neu vom Studium kommen. Und damals war eigentlich mein Wunsch und meine Idee, erstmal noch woanders Berufserfahrung sammeln zu können, die man dann ins eigene Unternehmen auch einbringen kann.

Gerade wenn Sie in München studiert haben, ist München eine Stadt, in der man auch gerne noch bleiben kann. Aber weil mein Vater 2005 ins Koma gefallen ist und gesundheitlich ganz schlecht dran war, ging das eben nicht und ich musste sofort zurückkommen.

Und dann fehlte mir natürlich auch noch viel praktische Erfahrung, die ich noch sammeln wollte. Es war dann doch recht viel Einschneidendes auf einmal. Mit meinem heutigen Wissen sage ich, das hätte man vielleicht anders machen müssen, aber damals hatte ich dieses Wissen noch nicht.

Börsenkurse auf einem Smartphone.

Wie Daytrading erst Struktur gab und dann zum Risiko wurde

Prellwitz: Und wie kam es dann, dass Sie zum Daytrading gekommen sind? Können Sie sich an den Moment erinnern, wann Ihr erster Berührungspunkt damit war?

Gruninger: Ich hatte schon früher mit Aktien gehandelt, aber im ganz normalen Rahmen. Eigentlich so, wie es viele machen: Aktien gekauft und gehalten und vielleicht auch mal verkauft oder mal umstrukturiert.

Es war aber nur ein absolutes Nebending, weil ich natürlich in meinem Beruf voll ausgelastet war und auch nicht so viel Zeit dafür hatte und das auch nicht so sehr gebraucht habe.

Aber dann, nach der Insolvenz, gibt es noch eine kurze Phase, in der sie alles noch abarbeiten und versuchen, vielleicht etwas zu retten. Aber irgendwann kommt der Moment, wo Sie zu Hause sitzen und aus 24/7 wird Null.

Nicht nur die Zeit, sondern die Gespräche, die Entscheidungen. Alles, was mit einem Beruf, mit dem Job zu tun hat, ist plötzlich weg. Und ich saß zu Hause. Mir ging es finanziell zwar trotz Firmeninsolvenz gut, aber innerlich ging es mir nicht gut.

Das war einfach zu viel, was in kürzester Zeit auf mich eingeprasselt ist, ohne dass es wirklich verarbeitet wurde. Wir haben nicht wirklich darüber geredet. In der Familie nicht und im Umfeld schon gar nicht. Weil gerade die Insolvenz ein Punkt ist, der mit Scham verbunden ist, und niemand weiß so richtig, wie man sich dem nähern soll.

Man ist dann trotzdem bemüht, nach außen hin irgendwie das Bild abzugeben. Es ist alles gut, auch wenn es eigentlich nicht gut ist.

In der Familie hat die Aufarbeitung auch nicht ausreichend stattgefunden. Und dann saß ich zu Hause, konnte mich da zwar auch um meine Kinder kümmern, und das ist auch eine Weile schön, aber irgendwie habe ich innerlich eine Unzufriedenheit, eine Unruhe gespürt.

Ich hatte schon länger diffuse Verlustängste, die sich dann irgendwann zu realisieren begonnen haben durch die Ereignisse. Und ich hatte jedenfalls das Gefühl, etwas tun zu müssen. Etwas tun zu wollen, und in der Phase war ich jetzt auch nicht dazu mental bereit, mir einfach irgendwo einen Job zu suchen.

Weil es nach außen hin so ein bisschen eine Niederlage gewesen wäre, die man sich eingesteht und weil ich es finanziell auch nicht musste.

Und dann erschien mir das Aktienthema als eine gute Möglichkeit, Geld zu verdienen. Es war aber auch eine Möglichkeit, mich zu beschäftigen. Sie bekommen an der Börse eine direkte Rückmeldung, im positiven Fall eine gute, im schlechten Fall können Sie damit arbeiten.

Dann habe ich aber gemerkt, dass das reine Investieren in Aktien mir zu langsam geht, zu wenig Ertrag bringt oder nicht genug Befriedigung mit sich bringt. Und ich bin dann eigentlich mehr oder weniger zufällig drauf gestoßen, dass es diese Knock-out-Produkte und diese Optionsscheine gibt.

Ich habe dann bei der Bank angefragt, weil ich in meinem Depot nicht automatisch die Berechtigung hatte, damit zu handeln. Und der Banker meinte: „Ja, Sie brauchen eigentlich jahrelange Erfahrung, aber machen Sie einfach den Haken bei ‚Ich habe Erfahrung‘ und dann wird es freigeschaltet.“

Damit will ich jetzt nicht sagen, die Banker und die Banken sind an allem schuld, aber natürlich hätte das so nicht stattfinden dürfen. Sie kommen natürlich irgendwann praktisch in das Thema dann rein, aber dieses totale Verlustrisiko hatte ich letzten Endes nicht so auf dem Schirm.

Nachdem ich angefangen hatte, ist wahrscheinlich das Schlimmste passiert, was passieren kann. Ich hatte erstmal Erfolg. Ja, und je mehr Erfolg man hat, umso mehr steigert man sich dann da rein und umso mehr Zeit verbringt man damit.

Je mehr der Depot-Wert gestiegen ist, desto mehr habe ich das normale Bewusstsein für Geld verloren. Es wird zu fiktivem Spielgeld ohne große Wertigkeit.

Sie haben nicht mehr das Gefühl, reales Geld in Händen zu haben und das ist brutal gefährlich, weil Sie die Wertigkeit aus den Augen verlieren. Und solange das Depot steigt, fühlt es sich nicht so schlimm an, aber wenn Sie Verluste einfahren, dann kehrt die reale Betrachtung plötzlich kurzzeitig zurück.

Das war auch ein Problem, was vielleicht auch so ein bisschen diese Spielsucht dann gestützt hat. Das Geld, das man an der Börse verdient, hat sich zumindest für mich subjektiv nicht so wertvoll und so gut angefühlt, wie etwas, was aus dem Job, aus einer Tätigkeit, aus einer besonderen Leistung resultiert.

Natürlich ist es so, dass jemand, der das beruflich macht und damit sein Geld verdient, auch etwas leistet, keine Frage, aber für mich war es nicht das Gleiche.

Wenn ich beispielsweise 200.000 € an der Börse verdient habe – ich hätte sie lieber in meinem Job im Unternehmen verdient, auch wenn es vielleicht länger gedauert hätte und härter gewesen wäre. Dann hätte ich es vielleicht auch anders geschätzt.

Ich habe 2013 mit einem Startkapital von 700.000 € begonnen und innerhalb eines Jahres sind daraus zwei Millionen € geworden. Da müssen Sie dazu noch berücksichtigen, dass man auf Gewinne Steuern zahlen muss.

Das heißt, ohne die Steuer zu berücksichtigen wären es sogar zweieinhalb Millionen € oder sogar etwas mehr gewesen. Rückblickend war das wahrscheinlich fatal, dass es am Anfang so gut lief, und dadurch dann dieses Gefühl entstanden ist: „Ich bin da kompetent, ich mache das gut. Mir kann nichts passieren.“

Prellwitz: Wie war das denn, als Sie damals so gestartet sind? Haben Sie sich dann eher so als Anleger, Spieler, Unternehmer, Profi gesehen, oder eher so als Hobby, oder wie war das am Anfang?

Gruninger: Ja, man sieht sich da relativ schnell als Anleger. Profi will ich nicht sagen, aber doch als jemand, der da kompetent ist, was die Gewinne ja am Anfang auch scheinbar bestätigt haben. Als Glücksspiel habe ich es überhaupt nicht gesehen.

Sondern mehr oder weniger als einen Job, den ich jetzt für mich machen kann, mit dem ich mich sehen lassen kann, insbesondere wenn man eben damit auch Geld verdient. Und es war für mich ein gutes Alibi, mich nicht mit anderen Dingen beschäftigen zu müssen, die ich dadurch verdrängt oder verschoben habe.

Das heißt im Prinzip, die Konfrontation mit den Themen, die passiert sind, musste ich nicht eingehen. Ich musste mir eben auch keinen Job suchen. Mein Tag war in gewisser Weise dadurch strukturiert. Es ist ganz wichtig, dass Sie eine Struktur im Tagesablauf haben, insbesondere, wenn Sie später gegen die Sucht ankämpfen.

Am Anfang habe ich noch offen mit meiner Frau darüber gesprochen. Von Gewinnen erzählt man erstmal gern und der andere Part freut sich darüber. Da haben wir also noch recht darüber gesprochen, worin ich investiere und wie sich das entwickelt. Und sie hat auch teilweise bei wichtigen Terminen dafür gesorgt, dass sie die Kinder hatte, sodass ich da auch arbeiten konnte.

Natürlich haben Sie auf dem Weg nach oben immer mal wieder kleinere Verluste, aber es ging stetig nach oben. Im Jahr 2014 kam dann aber der Totalverlust, der dann diese Endlosspirale eingeleitet hat.

Prellwitz: Wie ist das genau passiert?

Gruninger: Als ich auf Google gesetzt habe – damals hieß die Aktie noch Google, heute heißt sie Alphabet– hatte die Aktie gerade das erste Mal die 1000-Dollar-Marke überschritten und kannte nur einen Weg: nach oben.

Da bin ich bei einem Kurs von ca. 1.080 $ eingestiegen, mit dem Ziel, sie wieder bei 1.200 $ zu verkaufen.

Kurz bevor die 1.200 $ erreicht waren, korrigierte die Aktie scharf und erreichte innerhalb von zwei Handelstagen meine Knock-out-Schwelle, die in diesem Fall viel zu knapp gesetzt war. Aber da ich das Risiko gar nicht mehr auf dem Schirm hatte, dass es so schiefgehen könnte, bin ich da total kalt erwischt worden.

Ich weiß noch genau, wir waren nach Hamburg zum Fußball eingeladen und saßen im VIP-Raum des Volksparkstadions. Es war eigentlich ein schönes Event und ein schönes Spiel. Ich guckte nur auf mein Handy und sah, wie immer schneller alles kaputtging. Und drumherum musst du so tun, als wäre nichts.

So fing ich dann auch an, eine Fassade aufzubauen. Ab diesem Zeitpunkt musste ich immer trotz innerem Kampf nach außen hin gut aussehen. Das Depot fiel innerhalb kürzester Zeit von 2 Millionen € auf 0 € und damit begann diese Verlust-Jagd (Chasing), die mich dann über 10 Jahre beschäftigt hat.

Prellwitz: War das dann auch Ihr erster Gedanke, als das passiert ist: „Ich hole mir das alles wieder“? Oder was haben Sie gedacht in dem Moment, als Sie am Handy gesehen haben, dass alles weg ist?

Gruninger: Ja, das Gefühl im ersten Moment kann man nicht beschreiben. Die Machtlosigkeit, die man verspürt, da kommen die negativen Gedanken und die alten Erlebnisse wieder hoch. Plötzlich ist alles, was Sie verdrängt haben, wieder präsent.

Als ich meiner Frau von dem Verlust erzählt habe, hat sie gesagt: „Wir brauchen das Geld nicht zum Leben, uns geht es gut, lass es sein.“ Das war ein Versuch. Aber das konnte ich nicht. Sondern für mich war klar: Ich muss jetzt das wieder zurückholen und den Verlust wieder gut machen.

Rückblickend verstehe ich das besser. In der Abfolge dieser Verluste, vom Brand, der Insolvenz und dem Tod meines Vaters, war das das erste Mal ein Verlust, bei dem ich das Gefühl hatte, dass ich ihn ungeschehen machen kann. Die anderen Dinge sind nicht ungeschehen zu machen, und hier hatte ich das Gefühl, ich kann das.

Ich kann das ausgleichen, gepaart mit dem Irrglauben, auf diesem Gebiet besonders kompetent zu sein. Ich habe jetzt zwar Pech gehabt, aber eigentlich weiß ich, wie es geht. Ich habe es ja auch geschafft, da hochzukommen, also bin ich gut darin. Und deswegen hat mich der Gedanke nicht losgelassen, dass ich da wieder ansetzen muss.

Im anderen Fall hätte ich auch meine Komfortzone verlassen müssen. Also doch einen Job suchen? Mich zumindest diesen Themen stellen und schauen, wie es weitergeht. Durch das Traden bestand die Möglichkeit, weiter in dieser Bubble zu bleiben, in der ich mich trotz dieses Verlustes wohlgefühlt habe.

Aus Börsenkursen formt sich ein wilder Strudel.

Der Totalverlust – und wie dann die Verlustjagd begann

Prellwitz: Wann war das und hat Ihre Frau Ihnen wirklich so klipp und klar gesagt: „Komm, lass jetzt gut sein.“ Hat Ihre Frau damals schon vielleicht geahnt, das könnte kippen, das könnte jetzt in eine gefährliche Richtung laufen?

Gruninger: Ich weiß nicht sicher, ob das der Grund war. In jedem Fall war es ihre ehrliche Meinung und wahrscheinlich hat sie gespürt, dass mir eine richtige Aufgabe gefehlt hat. Vielleicht war die unterschwellige Angst bereits da, dass ich noch mehr verlieren könnte.

Ich kann nicht beurteilen, inwieweit sie da schon eine absolute Spielsuchtgefahr gesehen hat. Ich denke, zu dem Zeitpunkt eher noch nicht. Aber in jedem Fall wollte sie nicht, dass jetzt noch weiteres Geld aufs Spiel gesetzt wird. Der richtige Ratschlag, den ich leider so nicht befolgen konnte.

Prellwitz: Haben Sie eine Ahnung, warum Sie den nicht befolgen konnten, jetzt aus heutiger Sicht?

Gruninger: Ja, ich war einfach in einem Zustand, in dem ich zu viele Verluste erlitten hatte, vor denen ich unterschwellig immer Angst gehabt hatte.

Schon im Studium, vielleicht auch schon davor, lief die Angst mit, dass ich als vierte Generation in die Firma komme und der Erfolg ausbleibt.

Auch wenn es brandbedingt war, ist es am Ende so gekommen. Mein Vater war nicht gut in der Aufarbeitung und ich konnte nicht intensiv mit ihm über diese Dinge sprechen. Trotzdem war er eine große Bezugsperson für mich, und als er gestorben ist, so blöd sich das anhört und objektiv natürlich falsch ist, habe ich mich dann von ihm allein gelassen gefühlt.

Bei dem Börsenverlust hatte ich hingegen das Gefühl, endlich einen Verlust ungeschehen machen zu können. Außerdem war es eine Herausforderung, die ich gerne annehmen wollte.

Hinzu kamen Schuldgefühle. Ich bin mit 700.000 € gestartet, war zwar mal höher, bin aber am Ende bei 0 € gelandet. Da hatte ich logischerweise ein schlechtes Gewissen.

Deswegen bin ich da nicht rausgekommen und ab dann begann die Heimlichkeit, die charakteristisch für Spielsucht ist.

Prellwitz: Also so ging es dann auch weiter nach diesem totalen Crash. Ihre Frau hat gesagt: „Lass das jetzt mal lieber, wir kommen auch so klar.“ Und sie haben dann aber angefangen, weiter heimlich zu traden, hinter ihrem Rücken quasi?

Gruninger: Genau, also zumindest immer mehr. Vielleicht am Anfang noch nicht in völliger Heimlichkeit. Aber je mehr es dann auf und ab ging und auch immer wieder schiefging, umso mehr spielt sich dann heimlich ab, bis Sie irgendwann gar nichts mehr erzählen. Das ist ganz gefährlich, weil Sie alle Emotionen, auch die positiven, unterdrücken.

Sie erzählen nichts nur nicht mehr von den Verlusten, sondern auch nichts mehr von Gewinnen. Sie machen plötzlich alles mit sich alleine aus. So gern man auch sagen würde: „Heute habe ich, so waren die Größenordnungen, 100.000 € verdient.“

Da Sie das Gute auch nicht mehr erzählen können, weil Sie sonst sagen müssen „Ich bin noch voll im Game“, erzählen Sie irgendwann gar nichts mehr. Und da wird es ganz kritisch.

Prellwitz: Das klingt aus meiner Sicht, als triebe das einen noch mehr in diese Spirale, weil man total abgeschottet ist. Das Einzige, was man noch hat, ist dann das Trading.

Gruninger: Ja, genau, das ist wirklich so. Das treibt Sie in diese Spirale hinein und Sie müssen dann Ihre Zeit aufteilen. Sie brauchen die Zeit fürs Traden. Sie müssen aber auch nach außen den Schein wahren, als würden sie keine Zeit mehr dafür investieren.

Das zerreißt einen innerlich und es ist auch mental ganz ungesund. Und dann fängt die Zeit an, in der Sie Ausreden erfinden.

Das fängt beim Vom-Tisch-Aufstehen an, weil man auf die Toilette geht oder vorgibt, etwas aus dem Kühlschrank holen zu müssen. Jedes Mal nehmen Sie stattdessen das Handy in die Hand und schauen schnell auf die Kurse. Das ist wirklich belastend, wird aber zu einer Gewohnheit.

Da gibt es dann eine Blackbox, die immer über Ihnen schwebt. Bei weiteren Verlusten, die ich nicht mehr verschweigen konnte, habe ich dann eine Teilbeichte abgelegt.

Das heißt, meine Frau und auch das engste Umfeld haben immer wieder mal mitbekommen, dass da doch noch etwas läuft und im Argen liegt. Aber ich habe dann Unwahrheiten erzählt, um zu beruhigen oder wieder an Geld zu kommen.

Ganz plastisch gesagt: Man geht ja nicht auf jemanden zu und sagt: „Ich brauche dringend Geld, weil ich an der Börse Verluste eingefahren habe, und Startkapital brauche, um das wieder in Ordnung zu bringen.“ Sondern Sie erzählen dann vielleicht, es gibt eine Steuerthematik oder eine Reparatur oder was auch immer, was irgendwie plausibel klingt.

Damit ist die nächste Stufe erreicht, wenn Sie anfangen, aktiv zu lügen. Spätestens ab dem Zeitpunkt sind Sie hundertprozentig in der Spielsucht angekommen und beginnen etliche rote Linien zu überschreiten, die man nicht überschreiten darf.

Ihre eigene Bewertung ist aber eine andere: „Ich mache jetzt zwar etwas, das nicht ganz richtig ist, aber am Ende bekommen alle ihr Geld zurück und ich habe alles in Ordnung gebracht. Das ist eine ganz gefährliche Spirale, die sich immer weiter dreht, solange sie selbst noch irgendwie durchhalten.

Prellwitz: Hatten Sie das Gefühl, dass irgendwann irgendjemand mal Verdacht geschöpft hat? Oder haben Sie das so geschickt gemacht, gerade auch durch Ihre Vorgeschichte mit Studium, Familienunternehmen und so weiter, dass Sie dadurch schon „gute Voraussetzungen“ dafür hatten? Dass man ihnen das auch so abgekauft hat, dass das so lange funktioniert hat?

Gruninger: Ja, ich hatte in mehrfacher Hinsicht „gute Voraussetzungen“ dafür. Zum einen kann ich gut reden und ich kann mich, aufgrund der geschäftlichen Prägung, auch aus dem geschäftlichen Hintergrund heraus, gut ausdrücken.

Hinzu kam später in der Endphase, in der ich auch die Straftaten zur Geldmittelbeschaffung beging, dass ich ein großes Netzwerk hatte, das es mir überhaupt ermöglichte, größere Geldbeträge zu leihen.

Das ist überhaupt nicht wertend gemeint, aber jemand, der aus einem einfachen Umfeld kommt und 2.000 € im Monat verdient, wird kaum jemanden finden, der ihm 100.000 € oder mehr leiht, egal welche Geschichte er erzählt.

Prellwitz: Man kennt dann auch niemanden, der einem überhaupt so viel leihen könnte…

Gruninger: Genau, egal, welche Geschichte man da erzählt. Ich habe mich in Kreisen von Menschen bewegt, die Geld hatten, es gewohnt waren, mal Geld zu verleihen und wussten, dass man auch in Nor geraten hat. Das hat erst ermöglicht, dass es am Ende so weit gehen konnte.

Zu der Frage, ob es jetzt jemand vermutet hat im Umfeld, kann ich klar sagen: Nein. Da habe ich die Fassade trotz vieler Verluste, die sich aneinander gereiht haben, und auch Dinge, die ich verkauft habe, sehr gut kaschieren können.

Irgendwann ist das Wort „Spielsucht“ gefallen und auch die Frage oder die Aufforderung nach einer Therapie.

Daraufhin habe ich dann im Jahr 2017 mit der ambulanten Therapie angefangen. Das war für mich aber eher ein notwendiges Übel und eine Art Ausrede. Ich konnte sagen: „Ich mache eine Therapie und ich beschäftige mich mit der Problematik“, aber ich war nicht bereit dafür. So hat es nicht ausgereicht, um mich spielfrei zu kriegen.

Neue Gewinne, aber kein Ausweg

Prellwitz: Wissen Sie noch, wann der erste Moment war, in dem überhaupt jemand zu Ihnen gesagt hat: „Du hast eine Spielsucht“? Wie kam das überhaupt, dass jemand das als Glücksspiel für Sie eingeordnet hat?

Gruninger: Ja, das war im Jahr 2016. Und letzten Endes war es meine Frau, die die Einschläge am ehesten mitbekommen hat. Sie hat dann auch mit mir gesprochen und gesagt: „Jetzt musst du etwas dagegen machen.“

Ich habe dann sogar selbst irgendwann gesagt: „Das ist eine Spielsucht.“ Aber zu diesem Zeitpunkt bestand nicht die nötige Einsicht: „Mensch, ich bin krank, ich muss wirklich etwas dagegen tun.“

Sondern eher nach dem Motto: „Ja, es tut mir leid, aber ich bin halt krank.“ Das ist ja das Kranke beziehungsweise Gefährliche daran, dass die Krankheit oft als Ausrede genutzt wird. Es gibt verschiedene Schweregrade und Differenzierungen in dieser Krankheit – nicht jeder Süchtige weiß mehr, was er tut.

Irgendwann war es auch in der Familie Thema, weil ich auch an meine Mutter mit der Bitte um Geld herangetreten bin. Dann kamen auch meine Geschwister ins Spiel. Aber es war dann eher mit dem Vorwurf verbunden: „Du hast hier Geld verloren und es wäre eigentlich unser Erbe gewesen.“

Ich verstehe den Gedanken dahinter, aber mit der Aufforderung verbunden: Hör auf damit. Mit diesen Vorwürfen haben sie versucht, Druck auszuüben. Aber ich bin jemand, der sich gegen Druck wehrt.

Es wäre besser gewesen, entweder etwas einfühlsamer oder wirklich drastisch damit umzugehen. Was ich gebraucht hätte, wäre zum Beispiel gewesen, dass mein Bruder gesagt hätte: „Ich bringe dich jetzt in die Klinik. Ob du es willst oder nicht. Ich fahre dich jetzt dahin.“

Ich hätte eigentlich eine harte Maßnahme gebraucht. Sogar in gewisser Weise im Positiven gemeint, gegen den Willen des Betroffenen.

Ich war viel zu sehr in diesem Kreislauf und in diesem „Ich muss das wieder gutmachen“ verhaftet. Und mit jedem Verlust wird dieser Drang, es wiedergutmachen zu wollen, größer.

Das Loch wird größer, aber auch der Druck, den Sie verspüren, den Sie sich selber machen, wird immer größer. Ich konnte nicht einfach mittendrin sagen: „Ich habe jetzt zwar mein Geld und Teile des Geldes meiner Familie verspielt, aber ich lasse es jetzt einfach gut sein.“

Für mich war immer klar: Es darf hier niemand geschädigt bleiben. Das Schlimme ist, dass man die Lösung in dem eigentlichen Problem sieht. Ich habe keine andere Lösung gesehen, als das Geld über die Börse reinzuholen.

Prellwitz: Meinen Sie denn, sie hätten aufgehört, wenn sie wieder bei 2 Millionen € oder sogar noch drüber gewesen wären?

Gruninger: Ich kann Ihnen das ganz genau beantworten. Ich war im Jahr 2022 nochmal bei einem Depotwert von 2.000.000 €. Und ich habe nicht aufgehört.

Das ist auch ein ganz maßgebliches Charakteristikum der Krankheit. Sie hören auch im Guten nicht auf. Letzten Endes ist es ein Endlosspiel, in dem Sie sich befinden. Und der Druck steigt durch die Verluste und bei Gewinnen fühlen Sie sich unverwundbar. Ich bin wieder oben angekommen. Mir geht es wieder gut. Ich habe kein Problem.

Da kommen dann diese Verklärungen. Es gibt nicht diesen Stopp-Knopf. Ich kann Ihnen das auch da ganz genau sagen: Im Februar 2022 hatte ich wirklich viele Verluste angehäuft. Ich hatte das Privathaus verkauft, eine große Solaranlage und Firmenanteile verkauft. Ich war eigentlich mittellos, was das Bestandsvermögen anbelangt.

Ich habe mit einem geringen Kapital im Februar 2022 nochmal angefangen. Ich kann es bis heute nicht nachvollziehen, aber innerhalb von drei Wochen habe ich 2.000.000 € verdient oder gewonnen. Das war wirklich nicht normal.

Dann habe ich zu mir gesagt: Jetzt ist alles gut. Ich habe völlig ausgeblendet, dass ich vorher mehrere Millionen verloren hatte. Ich sah mich am Ziel und wollte für die nächste Zeit gar nichts mehr an der Börse tun und erstmal den Moment genießen.

Damals waren es von meiner Wohnung 300 Meter zum Haus meiner Mutter. Auf dem Weg dorthin habe ich kurz die Kurse gecheckt und direkt eine Chance gesehen, nochmal 10.000 € zu verdienen. Noch auf diesem kurzen Weg habe ich die 2.000.000 € investiert.

Der Trade lief von Anfang nicht in meine Richtung. Sonst hätte das innerhalb von Sekunden erledigt sein können. Dann habe ich das Investment gehalten und genau in dieser Nacht brach der Ukraine-Krieg aus. Ein Ereignis, das davor fast niemand für möglich gehalten hätte.

Da Sie nachts nicht handeln können, die Kursentwicklung aber weiterläuft, wachen Sie am nächsten Morgen in einer ganz anderen Welt auf. Obwohl meine Knock-out-Schwelle recht sicher gewählt war, schmolz der Depotwert dahin. Am Ende waren die 2.000.000 € schneller wieder weg, als sie gekommen waren.

Ich wollte aufhören, ich wollte es gut sein lassen. In der Spielsucht funktioniert dies aber leider nicht. Die einzige Möglichkeit wäre gewesen, das Geld sofort auf ein Konto zu überweisen, auf das ich zum Beispiel keinen Zugriff gehabt hätte. Das hat aber nicht stattgefunden.

Prellwitz: Was meinen Sie rückblickend, was Sie damals gebraucht hätten? Sie haben gerade schon gesagt, ein Verwandter hätte Sie mit in die Klinik genommen. Limitsperren, Gespräche, jemand, der widerspricht – hätte das Ihrer Meinung nach heute irgendwas gebracht?

Gruninger: Ja, es wäre schwierig gewesen, es wäre definitiv ein harter Weg gewesen. Aber ich glaube, die Möglichkeit hätte darin bestanden, dass wirklich jemand für mich Verantwortung übernommen hätte.

Wenn jemand gesagt hätte: „Ich ziehe das jetzt mit dir durch und wir stehen das zusammen durch.“ Mit der richtigen Ansprache hätte es eine Chance gehabt. Ich war damals wirklich sehr stark im Mich-Wehren. Daher möchte ich hier niemandem einen Vorwurf machen, er hätte zu wenig getan.

Aber ich merke heute in meiner neuen Beziehung, dass etwas anders ist. Ich bin jetzt an einem anderen Punkt als noch vor drei Jahren und meine Freundin hat eine andere Art, mit mir umzugehen, die mir sehr gut tut.

Jetzt gelingt es mir gut, über Probleme zu sprechen und diese nicht in mich reinzufressen oder geheim zu halten. Ich erkenne die kritischen Punkte und artikuliere diese offen und rechtzeitig. Das hat früher nicht stattgefunden.

Prellwitz: Ja, ich habe gerade gedacht, vielleicht hätte es Ihnen damals geholfen, den Zugriff auf alle Konten zu sperren, das wäre vielleicht hilfreich gewesen?

Gruninger: Ja. Unbedingt. Das ist es: Es geht nur über Ehrlichkeit, Offenheit und über totale Abstinenz. Das heißt, ich hätte keinen Zugriff mehr auf eigenes Geld haben dürfen. Und auch nicht die Möglichkeit, mir irgendwo Geld zu besorgen und es einzusetzen.

Das heißt eben wirklich eine Sperre für alle Konten. Für alle, auch wenn Sie dann am Ende wie ein kleines Kind behandelt werden, das sagen muss: „Ich brauche jetzt 10 € zum Einkaufen“ oder „Ich brauche 50 € zum Tanken.“ Aber das wäre das Einzige gewesen, was mir zu dem Zeitpunkt hätte helfen können.

Zusätzlich dazu, dass jemand gesagt hätte: „Ich bringe dich jetzt in eine stationäre Klinik. Ich kümmere mich darum, dass bei der Familie alles klappt. Ich kümmere mich darum, dass bei der Arbeit alles klappt. Aber du gehst jetzt.“

Das ist aber auch viel verlangt und die Angehörigen sind dann auch überfordert, solche Maßnahmen zu ergreifen. Noch dazu macht niemand so etwas gerne.

Bis hierhin zeigt Michael Gruningers Geschichte, wie aus Daytrading Schritt für Schritt ein Kreislauf aus Verlustjagd, Heimlichkeit und Kontrollverlust wurde. Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen wir darüber, warum seine Sucht lange unbemerkt blieb, welche Rolle Banken aus seiner Sicht hätten spielen müssen und wie es schließlich zur Gefängnisstrafe kam. Er erscheint am Samstag, dem 5. September. 

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