Ausgespielt: Gerichtsvollzieher räumen Casino von Campione

Das Casino Campione d’Italia am Luganersee ist auf Grund seiner dauerhaften Zahlungsunfähigkeit von Gerichtsvollziehern geschlossen worden. Rund 500 Mitarbeiter stehen infolge auf der Straße und die italienische Exklave von dem Aus. Die Zukunft des stillgelegten, jedoch hochmodernen Gebäudekomplexes ist ebenfalls ungewiss.

Erst 2017 hatten die rund 2000 Einwohner der Gemeinde Campione d’Italia das 100jährige Jubiläum ihres Casinos gefeiert, das seine Pforten nun wohl für immer geschlossen hält. Die ‚Stürmung‘ Europas einst größter Spielbank erfolgte am 27. Juli um 13:30 Uhr: Aus Insolvenzgründen verwiesen die Finanzbeamte der italienischen Provinzstadt Como sämtliche Mitarbeiter und Kunden vor die Türen, die folglich offiziell versiegelt wurden. Jüngsten Meldungen zufolge lastet auf der Unternehmung ein Schuldenberg von exorbitanten 132 Mio. Euro.

Das erst vor 11 Jahren bezogene, 50 Mio. Euro teure Casinogebäude des Stararchitekten Mario Botta, steht unterdessen stillgelegt am schweizerischen Ostufer des Luganersees dar, wenn auch nicht gänzlich verlassen: Seit über drei Wochen scharen sich die rund 500 Casinoangestellten – die eigentlichen Leidtragenden des finanziellen Totalfiaskos – vor dem Haupttor des 55.000 Quadratmeter großen Komplexes und demonstrieren.

„SOS! Campione is dead“ – „Hilfe! Campione ist tot“, prangt auf den Bannern. Weiße T-Shirts wurden mit der Aufschrift „Salviamo Campione“ – z. dt. „Retten wir Campione“ bedruckt. Die Initiatorin und Präsidentin des Betriebsrats, Rosy Bianchi, selbst jahrelang als Croupier im Casino Campione tätig, unterstreicht:

„Es ist ein unglaubliches Drama für uns, unsere Familien und das ganze Dorf.“

Laut Augenzeugenberichten sei an dem Standort mittlerweile eine regelrechte Zeltstadt entstanden. Mittags werde gemeinsam gekocht, am Nachmittag gebe es Kaffee und Kuchen, heißt es. Dennoch sieht ein gemütlicher Klatsch anders aus. Der tiefsitzende Schock über die Schließung ist spürbar. In sengender Hitze brüten Betroffene und Anwohner auf Bänken unter Plastikplanen über die Zukunft, spenden sich gegenseitig Trost und informieren Passanten über die Geschehnisse.

Einer der unfreiwilligen ‚Aktivisten‘ ist Leonardo Pace, seit über 20 Fahren in der Spielbank tätig, wohnhaft im Campione umgrenzenden Schweizer Tessin. Ein Pendler wie viele des Mitarbeiterstabs. Die Hypothek für sein Haus fürchtet Pace infolge der Schließung nicht mehr aufbringen zu können – die Situation sei aussichtslos, heißt es. Man habe schon vor dem Konkursamt in Como demonstriert sowie auch am Sitz der Region in Mailand, doch ohne Erfolg, geschweige denn überhaupt eine Form von Ergebnis. Zwischen Ärger und Verzweiflung kommentiert Pace:

„Wir fühlen uns einfach von allen im Stich gelassen. Alle sind nett und freundlich, aber niemand interessiert sich wirklich für unser Schicksal.“

Was wird aus Campione?

Wie es weitergeht ist Campiones Anwohnern wie Angestellten demnach gänzlich unklar. Das Schicksal der Pensionärs-trächtigen Exklave hängt jedoch völlig an ihrem erstmals 1917 eröffneten Casino, ohne das die Einkünfte schlicht ausbleiben. Über 40 Jahre lang zählte Campione durch seine Glücksspieleinnahmen zu den wohlhabendsten Regionen Italiens. Indessen fehlen der Kommune über 25 Mio. Euro in der Haushaltskasse. Die Gehaltszahlungen an die lediglich rund 100 Gemeinde-Angestellten stehen laut ORF bereits seit Februar aus.

Obgleich sich Bürgermeister und Ratspräsident Roberto Salmoiraghi noch Ende Juni kämpferisch präsentierte und der Spielbank-Gemeinde gar eine Auferstehung „wie Phönix aus der Asche“ prophezeite, glaubt am Ort des Geschehens – in Anbetracht des horrenden Schuldhaufens – inzwischen niemand mehr an eine Wiedereröffnung des traditionsreichen Hauses.

Ebenso wie der Verbleib der Mitarbeiter, steht derweil auch die Zukunft des erst 2007 fertiggestellten, hochmodernen Casinoanwesens in den Sternen. Laut der italienischen Tageszeitung La Repubblica seien hierzu diverse Vorschlägen diskutiert worden. Die Idee, den Komplex in eine Spezialklinik umzubauen – ein Angebot der börsennotierten Schweizer ARTISA-Gruppe – sei dabei auf besonders hohen Zuspruch gestoßen: „Ein interessanter Vorschlag“, so Campione-Oberhaupt Salmoiraghi, noch steht hier aber nichts fest.

Absehbarer Konkurs

Gleichzeitig wird auch die Ortschaft selbst, als autonome Kommune zwischen Euro und Franken, in Frage gestellt. Da das Geld auf dem nur 2,6 Quadratkilometer-kleinen Landstrich zwar in Euros verdient, jedoch in Franken ausgezahlt wird, leidet Campione seit Jahren unter der Aufwertung der schweizerischen Währung. Dass die doppelläufige Fiskalpolitik die Region auf Dauer in den Ruin führe, prognostizierten etwaige europäische Medien schon 2005.

Seither verlief die Konkurs-Spirale zwar langsam, aber dennoch kontinuierlich in das bereits Anfang Januar durch die Staatsanwaltschaft eröffnete Konkursverfahren. Der Zahlungsunfähigkeit des Casinos, folgte dementsprechend auch die Zahlungsunfähigkeit der Gemeinde. Summa summarum das Endresultat jahrelang verfehlter Finanzpolitik, unter dem Hort ebenso nostalgischer wie realitätsferner Traditionen.

‚Viele‘ Anwohner Campiones fordern mittlerweile eine vollwertige Angliederung an die Schweiz, heißt es. Reaktionen seitens der Politik blieben dazu bisher zwar aus, doch erscheint eine Annexion nicht nur im Hinblick auf die Klinikpläne von ARTISA sinnvoll. Erstens dürfen die Bewohner Campiones in der Schweiz ohnehin schon gleichberechtigt arbeiten, zweitens werden Campiones Einnahmen auf Grund des italienisch-schweizerischen Doppelbesteuerungssystems zudem auch bereits nach Schweizer Steuersätzen verrechnet.

Den 500 an die heiße Luft gesetzten Casinoangestellten helfen derartige Argumentationen natürlich nicht wirklich weiter – an dieser Stelle scheint das letzte Wort bereits gesprochen, tragischerweise ohne gesprochen worden zu sein. Die Schließung des Casinos Campione d’Italia beschließt somit auch das Ende einer über 100jährigen Glücksspiel-Ära. Was schlussendlich aus Mitarbeitern, Exklave und Gebäude wird, bleibt vorerst abzuwarten.

Das Casino Campione d’Italia bei Nacht.

Das Casino Campione d’Italia, hier noch zu besseren Zeiten, ist inzwischen Vergangenheit. Der Komplex wird womöglich zu einer Spezialklinik umfunktioniert.

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