Neuseeland im Kampf gegen Spielsucht

Die Regierung Neuseelands hat einen innovativen Strategieplan zur Bekämpfung von Spielsucht vorgestellt. Genau wie sein nächstliegender Nachbar Australien leidet der Inselstaat vor allem unter einem Spielautomatendilemma.

Neuseelands Regierungssitz in der Hauptstadt Wellington

Der Regierungssitz in Neuseelands Hauptstadt, Wellington, wo aktuell über das Spielsuchtproblem auf der Insel debattiert wir. (Bild: Michael Klajban, Lizenz)

Die im vergangenen Februar veröffentlichten Zahlen der neuseeländischen Abteilung für innere Angelegenheiten – Department of Internal Affairs (DIA) – sprechen eine deutliche Sprache: Im Geschäftsjahr 2016 – 2017 haben die Glücksspieler der ‚grünen Insel‘ über 125 Mio. neuseeländische Dollar (NZD) mehr ausgegeben, als im Vorjahr – ein Plus von 5,7 Prozent. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum satte 2,3 Mrd. NZD (~ 1,3 Mrd. Euro) verspielt, bei einer Bevölkerungszahl von ‚nur‘ 4,7 Millionen.

Auf Grund der problematischen Entwicklung hat das neuseeländische Gesundheitsministerium – Ministry of Health (MOH) – jüngst einen neuartigen Strategieplan vorgestellt: Hiernach sollen die entsprechenden Maßnahmen zur Eindämmung, Minimierung und (bestenfalls) Prävention von Glücksspielschäden, auf Basis einer öffentlichen Online-Konsultation, das heißt, Bürgerbefragung, ausgearbeitet werden. Neuseelands Gesundheitsminister, David Scott Clark (Labour Party), habe den Umfrageprozess bereits Anfang August in die Wege geleitet, wie es heißt.

Den Aussagen Clarks zufolge nimmt der MHO-Bogen dabei eine thematische Dreiteilung vor: Zum ersten werden die Prioritäten der neuseeländischen Regierung definiert. Zum zweiten werden die (möglichen) Finanzierungsniveaus haushaltsorientiert aufgeschlüsselt. Zum dritten werden die Bürger|-innen Neuseelands dazu aufgefordert, Vorschläge zur allgemein-strategischen Ausrichtung zu unterbreiten und diese im Anschluss zu Gewichten. Die amtliche Auswertung der Ergebnisse soll ab dem 21. September anlaufen. Der 45-Jährige Minister aus Auckland konkretisiert:

„Unser Strategieentwurf zur Verhütung und Reduktion von Glücksspielschäden behandelt eine ganze Reihe an Faktoren. Einige betreffen den raschwachsenden Online-Glücksspiel-Sektor, andere die zunehmenden Konvergenzen zwischen Glücksspielen und (normalen) Spielen. Da Veränderungen im Glücksspielumfeld sehr schnell auftreten können, ermöglicht uns das Vorgehen vorrausschauend auf Veränderungen zu reagieren.“

Aus dem ebenso modernwirkenden wie vielversprechenden Prozedere könnten im Idealfall die neuseeländischen Regulierungsvorschriften von 2019 bis 2022 hervorgehen. Obgleich der rund 270.000 Quadratkilometer große Inselstaat dem britischen Commonwealth angehört, ist die parlamentarische Monarchie Neuseeland unabhängig – in puncto Glücksspiel obliegt die Gesetzgebung hier dem DIA. Grundsätzlich gilt der Gambling Act 2003, welcher eine regelmäßige, alle drei Jahre abzuhaltende Überprüfung und (ggf.) Aktualisierung der Gesetze vorschreibt.

Mehr als ein Pokie-Problem

Soweit erscheint Neuseelands Glücksspielgesetzgebung gar durchaus sinnig und modern. Mit Blick auf die kontinuierliche Negativentwicklung der letzten Jahre, offenbart sich hier jedoch zwangsläufig auch der Teufel im Detail – in Form gravierender Lücken und unzureichend kontrollierter Teilsektoren: Wie dicht oder durchlässig die Membran zwischen Glücksspiel und Spiel ist, blieb auf Neuseeland bislang gänzlich undefiniert. Dasselbe gilt im Übrigen für den hiesigen Online-Sektor(!). Ein MOH-Sprecher räumt die Unzulänglichkeiten aktuell im Fachpresse-Interview ein, wo es heißt:

„Die zumeist aufkommenden Problembereiche sind das Internet-Glücksspiel und die Konvergenz zwischen Glücksspiel und Spielen, die beide derzeit nicht reguliert sind. Das Ministerium sucht nach Möglichkeiten zur Regulierung, zum Beispiel sind Selbstausschluss-Systeme in Planung, um Menschen zu helfen, die durch Glücksspiele benachteiligt werden.“

Gleich seines nächsten, flächenmäßig 28mal größeren Nachbarn, Australien, wird Neuseelands Glücksspielbranche in vier Zweige aufgespalten – Sportwetten, Lotteriespiel, klassische Casinospiele und Spielautomaten. Letztere bilden laut Gesundheitsminister Clark den Hauptproblemspielbereich:

„Das Hauptschadengebiet liegt bei Non-Casino-Glücksspielautomaten (NCGM) oder Pokies, die häufig in Clubs und Kneipen zu finden sind.“

Im australischen Slang bezeichnen Pokies virtuelle Pokerautomaten, die sich in Down Under unlängst zu einer wahren Problemspiel-Epidemie ausgeweitet haben. Inzwischen überfluten die fragwürdigen Slots scheinbar auch das 4.150 Kilometer entfernte Neuseeland. Rund 53 Prozent der Problemspieler generieren laut MOH rund 38 Prozent der gesamten Glücksspielausgaben an den omnipräsenten Geräten.

Betroffen sind (bekannterweise) die Ärmsten der Armen, weshalb neuseeländische Experten ein generelles Pokie-Verbot fordern. 50 Prozent aller Pokies auf Neuseeland, sollen demzufolge in Gebieten „mit der höchsten sozio-ökonomischen Benachteiligung“ liegen. Ob der MOH-Umfragebogen auch hierüber informiert, ist bis dato nicht bekannt – dass hier Regulierungsbedarf besteht, dürfte jedoch sicher sein.

So ambitioniert und modern Neuseelands Miteinbezug seiner Bürger in die zukünftigen Regulierungsmaßnahmen auch anmuten mag: Einem Zocker, der sein Monatsgehalt am Pokie im Einkaufzentrum oder Stadtpark verliert, wird ein online-bezogenes Selbstausschluss-System nicht viel nützen. Die weiteren Entwicklungen bleiben also vorerst abzuwarten.

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