Interview: Glücksspielforscher Dr. Singer beantwortet eure Community-Fragen

  • Wir haben vor einiger Zeit die Glücksspiel-Community befragt: Was wolltet ihr schon immer von der Forschung wissen?
  • Dr. Johannes Singer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim.
  • Wir haben ihm eure spannenden Fragen übermittelt. Er hat sich die Zeit genommen und zu allen Themen ausführlich Stellung genommen.
Eine Lupe untersucht Würfel, Spielkarten und Casino-Chips, während Diagramme, Notizen und Forschungsskizzen im Hintergrund auf die wissenschaftliche Analyse von Glücksspiel hinweisen.

In diesem Interview lest ihr die Antworten auf viele spannende Fragen. © OnlineCasinosDeutschland.com

Community-Fragen: Eure Fragen an einen Glücksspielforscher

Dr. Singer ist in der Glücksspielforschung tätig und hat sich eure Fragen angeschaut.

Glücksspiel ist ein viel diskutiertes Thema. Oftmals werden dieselben Fragen immer wieder durchgekaut und nur wenig neue Erkenntnisse gewonnen. Das ist in diesem Artikel anders.

Denn wir haben uns gefragt, was euch als Spieler wirklich beschäftigt. Dafür haben wir die Glücksspiel-Community auf Reddit gefragt, was sie von einem Glücksspielforscher wissen möchten. Dabei sind 16 spannende Fragen rund um Glücksspielwerbung, psychologische Zusammenhänge und rechtliche Fragen zusammengekommen.

Diese Fragen von euch haben wir Dr. Johannes Singer übergeben. Er ist seit August 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle der Universität Hohenheim. Dort befasst er sich vor allem mit Glücksspielwerbung in den sozialen Medien.

Seine Antworten lest ihr in diesem Interview.

Interview mit Dr. Singer: Werbung, Psychologie & rechtlicher Rahmen

Fragen zur Glücksspiel-Werbung

1. Welche Generationen bzw. Altersklassen springen am ehesten auf Glücksspielwerbung an? Spielt der Bildungsgrad eine Rolle?

Dr. Singer: „Kinder und Jugendliche sind besonders anfällig für Glücksspielwerbung, da sie noch nicht gelernt haben, Werbebotschaften kritisch zu hinterfragen.

Diese Fähigkeit, zu erkennen, dass Werbung gezielt Einfluss nehmen will, wird in der Forschung als ‚Advertising Literacy’ oder Werbekompetenz bezeichnet. Sie entwickelt sich erst mit zunehmendem Alter und bietet selbst dann keinen vollständigen Schutz: Wenn Werbung emotional wirkt, etwa im spannungsgeladenen Kontext eines Fußballspiels, schaltet das Gehirn den kritischen Filter oft einfach ab.

Auch ein hoher Bildungsabschluss bietet keinen verlässlichen Schutz, da Glücksspielwerbung gezielt Emotionen anspricht, anstatt rationale Argumente zu liefern.“

2. Wie viel ist zu viel, wenn wir über Glücksspielwerbung sprechen? Manchmal fühle ich mich überwältigt von all den Anzeigen von Sportwettenanbietern. Ab wann wird es kontraproduktiv?

Dr. Singer: „Ein genauer Schwellenwert existiert nicht, weshalb der Glücksspielstaatsvertrag in seinen Vorgaben zur Glücksspielwerbung lediglich festlegt, dass diese nicht übermäßig sein darf (§5 Abs. 2 GlüStV 2021), ohne den Begriff quantitativ zu definieren.

Wenn Sie sich von der Vielzahl der Anzeigen für Sportwetten überwältigt fühlen, könnte dies bereits ein Hinweis darauf sein, dass die Werbeintensität problematische Ausmaße erreicht hat. Besonders im Fußball ist ein hohes Aufkommen von Glücksspielwerbung zu beobachten: In der Bundesliga-Saison 2024/25 hatten alle 18 Vereine der 1. Bundesliga mindestens einen Glücksspielanbieter als offiziellen Sponsor.

Screenshot der Partner des BVB. Markierung von zwei Glücksspielpartnern.

© https://www.bvb.de/de/de/sponsoring-hospitality/sponsoring-partner-des-bvb.html

Zudem werden die drei höchsten Spielklassen des deutschen Profifußballs sowie die DFL und der DFB selbst von Sportwettenanbietern gesponsert. Dies führt zu einer Durchdringung und Allgegenwärtigkeit von Glücksspiel im Sport, was eine Normalisierung zur Folge hat, bei der Glücksspiel als harmlose Freizeitaktivität und fester Bestandteil des Sports wahrgenommen wird.

Besonders gefährdet sind dabei vulnerable Gruppen wie Kinder und Jugendliche sowie Menschen, die von einer glücksspielassoziierten Störung betroffen sind. Eine hohe Exposition gegenüber Glücksspielwerbung kann nicht nur zur Normalisierung beitragen, sondern auch positive Einstellungen gegenüber Glücksspiel fördern, Spielanreize auslösen und eine bereits vorhandene Glücksspielaktivität verstärken.“

Psychologische Fragen

3. Ich bin ein Spieler mit geringem Budget. Warum fühle ich mich so viel besser, wenn ich in drei Stunden 30 Dollar gewinne, und habe nicht das gleiche Gefühl, wenn ich nur eine Stunde bei der Arbeit für die gleichen 30 Dollar arbeite?

Dr. Singer: „Einfach ausgedrückt: Unser Gehirn reagiert nicht auf das, was wir erhalten, sondern auf die Überraschung dabei. Wenn wir Geld verdienen, wissen wir genau, wie viel und wann es kommt. Das Gehirn gewöhnt sich daran und reagiert kaum noch.

Ein Gewinn beim Glücksspiel hingegen ist immer unerwartet, und genau das löst eine starke Reaktion im Belohnungszentrum des Gehirns aus. Deshalb fühlt sich derselbe Geldbetrag beim Glücksspiel so viel aufregender an als beim Arbeiten.“

4. Wie kommt es, dass Menschen mit hoher Bildung in die Sucht abrutschen können, obwohl sie genau wissen, dass alles auf Mathematik basiert?

Dr. Singer: „Glücksspiel birgt stets das Risiko einer Sucht. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand einen Universitätsabschluss besitzt. Bei manchen Menschen werden durch Glücksspielaktivitäten Botenstoffe wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin im Gehirn freigesetzt.

Ein Mann mit hohem Bildungsgrad und viel Erfolg sitzt in seinem Büro und spielt Slots auf seinem Smartphone.

Dopamin und Serotonin beeinflussen stark die Stimmung und das Glücksgefühl. Ein Mangel an diesen Stoffen kann zu Verstimmungen und depressiven Phasen führen, was die Betroffenen dazu veranlasst, ihre Glücksspielaktivitäten fortzusetzen, um erneut ein Hoch- und Glücksgefühl zu erleben.

Es ist wichtig zu verstehen, dass eine glücksspielassoziierte Störung als Suchterkrankung anerkannt ist, vergleichbar mit Alkoholabhängigkeit. Dies führt zu einer Einschränkung der Lebensführung und Entscheidung der Betroffenen, weshalb professionelle Hilfe zur Behandlung erforderlich sein kann.

Kurz gesagt: Eine Person mag wissen, dass Glücksspiel Verluste mit sich bringt, ist jedoch aufgrund der Suchterkrankung nicht in der Lage, aus eigener Kraft damit aufzuhören.“

5. Macht mich meine ADHS generell anfällig für Sucht?

Dr. Singer: „Bei ADHS ist die Verarbeitung des Botenstoffs Dopamin im Gehirn verändert. Dopamin wird in Nervenzellen gebildet und spielt eine wichtige Rolle dabei, wie wir Belohnungen erleben und Impulse steuern.

Menschen mit ADHS suchen deshalb häufiger nach intensiven Reizen und verfügen über eine geringere Impulskontrolle, was ihre Anfälligkeit für Glücksspiel erhöht. Dieses Risiko steigt nicht, weil Menschen mit ADHS unvernünftig wären, sondern weil ihr Belohnungssystem anders reagiert.

ADHS erhöht also die Anfälligkeit, bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass man süchtig wird. Mit der richtigen Unterstützung und Behandlung lässt sich dieses Risiko erheblich verringern.“

6. Ich war mehrfach mit meinen Freunden im Casino und sie haben jedes Mal verloren. Ich hatte das Gefühl, sie sind irgendwann süchtig geworden. Wie kann man süchtig nach etwas werden, bei dem man immer verliert?

Dr. Singer: „Niemand verliert beim Glücksspiel ausschließlich. Gelegentlich gibt es Gewinne, auch wenn die Bilanz langfristig negativ bleibt. Genau diese unvorhersehbaren Gewinne genügen, um das Belohnungssystem im Gehirn immer wieder zu aktivieren und die Erwartung weiterer Gewinne aufrechtzuerhalten.

Hinzu kommen zwei besonders relevante Phänomene. Bei sogenannten ‚Near Misses’ verfehlt eine Person einen Gewinn nur knapp, etwa wenn an einem Glücksspielautomaten ein einzelnes Symbol fehlt. Solche Beinahe-Gewinne werden subjektiv häufig als fast erreichter Erfolg empfunden und können die Motivation weiterzuspielen sogar verstärken, obwohl objektiv ein Verlust vorliegt.

Beim ‚Loss Chasing’ versuchen Personen, bereits erlittene Verluste durch weitere Einsätze wieder auszugleichen. Dadurch entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf, in dem Verluste nicht akzeptiert, sondern durch erneutes Spielen kompensiert werden sollen, was oft zu noch größeren Verlusten führt. Beide Mechanismen tragen dazu bei, dass Menschen trotz anhaltender Verluste im Spiel bleiben.“

7. Wieso spielen die Menschen im Casino so lange, bis sie verlieren? Wieso lassen sie es nach einem kleinen Gewinn nicht einfach gut sein?

Dr. Singer: „Nach einem Gewinn steigt im Gehirn oft die Erwartungshaltung. Der vorherige Gewinn wird als neuer Referenzpunkt gespeichert, sodass der nächste Spielzug erneut als Chance auf eine überraschende Belohnung erscheint. Aufzuhören kann sich dadurch subjektiv wie ein Verzicht auf eine mögliche weitere Chance anfühlen.

Das Belohnungssystem signalisiert vereinfacht gesagt, dass sich Weiterspielen lohnen könnte. Hinzu kommt, dass Casinos und Spielhallen gezielt so gestaltet sind, dass sie die Orientierung an Zeit und Außenwelt abschwächen und den Aufenthalt angenehm wirken lassen.

Menschen sitzen in einem Casino und haben eine gute Zeit. Das Licht ist warm und es werden Getränke serviert.

Dazu gehören etwa das Fehlen von Uhren und Fenstern, eine warme Beleuchtung, eine komfortable Atmosphäre sowie zusätzliche Angebote und Veranstaltungen. Diese Gestaltungselemente tragen dazu bei, dass Menschen länger bleiben und die Zeit weniger bewusst wahrnehmen.

Bereits das Betreten einer solchen Umgebung kann bei manchen Personen eine positive Erwartungsreaktion auslösen, da sie mit früheren Gewinnen und angenehmen Erlebnissen verknüpft wird.“

8. Würde Glücksspielsucht abnehmen, wenn Casinos keinen Sound mehr hätten und nur noch schwarz-weiß wären?

Dr. Singer: „Akustische und visuelle Reize in Spielumgebungen sind grundsätzlich anziehend und können die Bereitschaft zur Teilnahme an Glücksspielen erhöhen. Ein wesentlicher Mechanismus besteht darin, dass bestimmte Geräusche oder Lichteffekte häufig direkt vor oder während eines Gewinns auftreten.

Dadurch kann im Lernprozess des Gehirns eine Verknüpfung entstehen, bei der diese Reize selbst als Hinweis auf eine mögliche Belohnung interpretiert werden. Das bedeutet, dass bereits das Hören oder Erleben solcher Reize bei manchen Personen eine positive Erwartungsreaktion hervorrufen kann, auch ohne unmittelbare Teilnahme am Spiel.

Wenn diese Reize entfernt würden, entfiele ein zentraler Auslöser des Spieldrangs. Ob dies das Suchtverhalten insgesamt deutlich reduziert, lässt sich daraus allein nicht ableiten, es würde jedoch einen Teil der suchtfördernden Reizstruktur abschwächen.“

Rechtliche Fragen

9. Wie beurteilen Sie die Arbeit und Vorgaben der GGL an legale Anbieter, wenn es um den Spielerschutz und die Bekämpfung von illegalen Glücksspielseiten im Internet geht?

Dr. Singer: „Grundsätzlich erachte ich die Einrichtung einer zentralen Aufsichtsbehörde zur Überwachung des Online-Glücksspiels in Deutschland als einen sinnvollen Schritt zur Regulierung und zum Schutz der GlücksspielerInnen.

Zwei wesentliche Instrumente sind hierbei das anbieterübergreifende Spielersperrsystem OASIS und das anbieterübergreifende Einzahlungslimit. Dies setzt jedoch voraus, dass das Einzahlungslimit nicht durch flexible Erhöhungen auf mehrere tausend Euro abgeschwächt wird.

Ebenso ist ein flächendeckender Abgleich von Personendaten mit dem OASIS-System erforderlich, sobald eine Person eine Glücksspielstätte betritt oder anderweitig an einem Glücksspiel teilnehmen möchte, um einen umfassenden SpielerInnenschutz zu gewährleisten.

Was die Bekämpfung des illegalen Angebots betrifft, sowohl terrestrisch als auch online, ist ein flächendeckender Vollzug der geltenden Vorgaben notwendig. Ich sehe nicht, dass eine weitere Liberalisierung des legalen Angebots erforderlich ist.

Vielmehr müssen illegale Angebote effektiv bekämpft werden. Allerdings kann ich die Arbeit der GGL hinsichtlich der Bekämpfung illegaler Glücksspielseiten im Internet nicht direkt beurteilen.“

10. Halten Sie die aktuellen Auflagen der GGL wie beispielsweise die 5-Sekunden-Regel und die Beschränkung der Spielauswahl auf Online Slots für sinnvoll oder bewirken diese nicht eher einen Run auf unkontrollierte und illegale Anbieter?

Dr. Singer: „Die 5-Sekunden-Regel schreibt eine Pflichtpause zwischen zwei aufeinanderfolgenden Spielrunden vor, wodurch das Tempo der Glücksspielabfolge verlangsamt wird. Diese Maßnahme kann dazu beitragen, impulsives Glücksspiel zu reduzieren und die Ausgaben pro Zeiteinheit zu senken.

Dabei ist anzumerken, dass diese Regelung nicht von der GGL eigenständig festgelegt wurde, sondern bereits im Glücksspielstaatsvertrag selbst verankert ist.

Die Beschränkung der Spielauswahl auf Online-Slots erscheint mir sinnvoll. Der Glücksspielstaatsvertrag hat die Aufgabe, ein begrenztes Glücksspielangebot bereitzustellen, um interessierte Personen in den legalen Glücksspielmarkt zu lenken.

Ziel ist es nicht, ein übermäßiges Angebot zu schaffen oder das legale Angebot so weit zu liberalisieren, dass kaum noch Unterschiede zum illegalen Angebot erkennbar sind. Das entscheidende Mittel zur Bekämpfung illegaler Angebote ist der flächendeckende Vollzug.

Wissenschaftlich ist nicht einwandfrei nachweisbar, dass eine begrenzte Verfügbarkeit zu einer massenhaften Abwanderung zu illegalen Anbietern führt.

Selbst wenn dies der Fall wäre, muss die effektive Bekämpfung des Schwarzmarktes Priorität haben, da nur so ein effektiver Schutz der Bevölkerung vor glücksspielbedingten Schäden gewährleistet werden kann, wie es der Glücksspielstaatsvertrag ebenfalls vorsieht, und nicht durch eine Ausweitung und weitere Liberalisierung des legalen Angebots.“

11. Haben Tischspiele wie Roulette oder Blackjack höheres Suchtpotenzial, oder warum sind sie online in Deutschland durch die GGL nicht zugelassen?

Dr. Singer: „Generell haben (Glücks-)Spielautomaten und Online-Slots das höchste Suchtpotenzial, wie auch die Daten des aktuellen Glücksspielsurveys für Deutschland zeigen. Dies ist unter anderem auf die hohe Ereignisfrequenz, das ‚Near-Miss-Design’ und die audiovisuellen Effekte der Glücksspiele zurückzuführen.

Tischspiele hingegen gelten als weniger riskante Glücksspielformen, da sie ein langsameres Spieltempo und sichtbare Limits aufweisen. Sie sind in Deutschland auch online zugelassen, unterliegen jedoch nicht der Aufsicht der GGL.

Die Verantwortung liegt bei den einzelnen Ländern, sodass die Ausgestaltung auch vom jeweiligen Bundesland abhängt. Beispielsweise bietet Bayern ein entsprechendes Angebot über seine Spielbanken an, während Baden-Württemberg das Angebot über seine landeseigene Lotterie realisiert hat.“

12. Wie beurteilen Sie die aktuellen Präventionsmaßnahmen? Sind diese Ihrer Meinung nach ausreichend?

Dr. Singer: „Die aktuellen Präventionsmaßnahmen bedürfen einer Verbesserung. Zwar stellen das zentrale Sperrregister OASIS und ein verpflichtendes Einzahlungslimit vielversprechende Ansätze dar, doch erreichen sie lediglich Personen, die bereits an Glücksspielen teilgenommen haben oder Hilfe suchen.

Prävention sollte jedoch bereits vor der eigentlichen Teilnahme an Glücksspielen ansetzen und über die Risiken, einschließlich der von Glücksspielwerbung, aufklären. Dies ist besonders für Kinder und Jugendliche von zentraler Bedeutung, da sie besonders gefährdet sind.

Der Schwerpunkt meiner eigenen Forschung liegt auf den Werbe- und Marketingstrategien von Glücksspielanbietern in den sozialen Medien, weshalb mir die Prävention gegenüber den Risiken von Glücksspielwerbung auf Social Media ein besonders wichtiges Anliegen ist.

Gerade in sozialen Netzwerken sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene einem hohen Maß an Glücksspielwerbung ausgesetzt, wobei bestimmte Werbeformen nicht eindeutig als solche erkennbar sind, was die Grenzen zu harmlosen Inhalten zunehmend verschwimmen lässt.

Diese Werbe- und Marketingstrategien führen zu einer Normalisierung von Glücksspielen und können frühzeitig positive Impulse und Spielanreize auslösen. Hier bedarf es zusätzlicher Aufklärung und Maßnahmen, wie verpflichtenden Kennzeichnungspflichten und technischen Altersbarrieren.

Darüber hinaus ist die verhaltensbasierte Früherkennung von riskantem und problematischem Spielverhalten mittels Glücksspieldaten ein vielversprechender Ansatz. Eine frühzeitige Erkennung problematischen Spielverhaltens kann helfen, Personen gezielt von Glücksspielen auszuschließen und an entsprechende Hilfestellen zu vermitteln.“

Weitere Fragen

13. Passiert es häufig, dass Menschen ihr gesamtes Gehalt beim Glücksspiel verlieren?

Dr. Singer: „In der allgemeinen Bevölkerung sind solche Extremverläufe selten. Bei Personen mit einer glücksspielassoziierten Störung hingegen sind erhebliche finanzielle Einbußen ein charakteristisches Merkmal der Suchterkrankung.

Dieser Umstand fördert das sogenannte „Loss Chasing“, bei dem die Betroffenen ihre Glücksspielaktivitäten fortsetzen, um die erlittenen Schulden auszugleichen, letztlich jedoch nur weitere Verluste anhäufen.“

14. Spielen Sie selbst auch?

Dr. Singer: „Ich selbst nehme nicht an Glücksspielen teil. Auch in der Vergangenheit kann ich an beiden Händen abzählen, wie oft ich daran teilgenommen habe.“

15. Was überrascht Sie bei Ihrer Arbeit?

Dr. Singer: „Grundsätzlich hat es mich überrascht, wie allgegenwärtig Glücksspiele sind. Vor meiner Arbeit an der Forschungsstelle Glücksspiel waren mir Glücksspiele nicht bewusst aufgefallen.

Doch mittlerweile erstaunt es mich, wie oft und an welchen Orten Glücksspiele im Alltag unseren Weg kreuzen und wie viele Personen im Bekanntenkreis Erfahrungen damit haben.

Abgesehen von der privaten Ebene erschreckt es mich sehr, wie viele Menschen in Deutschland und weltweit von glücksspielbedingten Schäden betroffen sind.

Daraus ziehe ich jedoch auch Motivation für meine Arbeit: Wir müssen die Risiken von Glücksspiel und Glücksspielwerbung noch intensiver erforschen und deutlicher aufzeigen, um Menschen besser vor den Risiken zu schützen. Zumal niemals nur Einzelpersonen betroffen sind, sondern auch immer Partner, Freunde und ganze Familien.“

16. Gibt es Ihrer Erfahrung nach Unterschiede im Glücksspielverhalten in verschiedenen Einkommensstufen? Spielen reichere Menschen anders als ärmere?

Dr. Singer: „Die Forschung zeigt soziale Unterschiede im Glücksspielverhalten auf, die differenziert betrachtet werden müssen. Problematisches Spielen tritt in niedrigeren Einkommensgruppen überproportional häufig auf, kommt jedoch in allen sozialen Schichten vor und ist auch in mittleren Einkommensgruppen nicht zu vernachlässigen.

Personen mit geringerem Einkommen verwenden tendenziell einen größeren Anteil ihres verfügbaren Einkommens für Glücksspiel; insbesondere bei Lotterien wird dies als regressiver Effekt beschrieben, da die relative finanzielle Belastung für einkommensschwächere Haushalte höher ausfällt.

Zudem zeigen Studien, dass Vorlieben für bestimmte Glücksspielformen je nach Einkommen leicht variieren: Menschen mit geringerem Einkommen spielen etwas häufiger an Automaten oder nehmen an Lotterien teil, während Tischspiele und Sportwetten in höheren Einkommensgruppen etwas verbreiteter sind.

Diese Unterschiede sind aber fließend, und alle Spielformen kommen in allen gesellschaftlichen Gruppen vor. Schließlich treffen die finanziellen Folgen problematischen Spielens einkommensschwächere Haushalte besonders schwer, da kleinere Verluste dort schnell zu ernsthaften wirtschaftlichen Schwierigkeiten führen können.“

Forschungsstelle Glücksspiel: Interdisziplinäre Forschung rund um das Glücksspiel

Die 2004 gegründete Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim ist Pionierin der interdisziplinären Glücksspielforschung in Deutschland.

Ziel ist es, durch originäre wissenschaftliche Forschung sowie durch Zusammenführung der Forschung aus verschiedenen Fachbereichen fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse für EntscheidungsträgerInnen aus Politik, dem Hilfesystem und der Wirtschaft zu schaffen. Das Vernetzen unterschiedlicher AkteurInnen und der Wissenstransfer sind dabei zentrale Merkmale.

Ebenso spiegelt die fachübergreifende Zusammensetzung des Teams den multidisziplinären Charakter des Glücksspiels wider. Aktuelle Themenschwerpunkte reichen von algorithmenbasierten Systemen zur Früherkennung von Glücksspielproblemen über die Bewerbung von Glücksspiel in den sozialen Medien bis hin zu gesellschaftspolitischen Anliegen wie der Stigmatisierung von GlücksspielerInnen.

Website: Forschungsstelle Glücksspiel

Weitere Links: Gambling Research Center

Wir von OnlineCasinosDeutschland.com berichten nicht nur über Glücksspiel, sondern beschäftigen uns auch intensiv mit dem Spielerschutz. Deshalb möchten wir euch an dieser Stelle erneut daran erinnern, verantwortungsvoll zu spielen und euch bei Problemen an Beratungsstellen zu wenden.

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