Was Poker mir im Job wirklich beigebracht hat

Poker hat mir mehr für meinen Job beigebracht als jedes Seminar. Nicht das Bluffen und auch nicht das Kartenlesen, sondern die Art, wie ich denke und entscheide – vor allem dann, wenn mir Informationen fehlen. Genau diese Lektionen tauchen in meinem Arbeitsalltag immer wieder auf.
Eine Frau sitzt am Laptop und schaut auf eine Skyline aus Pokerchips.

Wie passen Poker und die Arbeitswelt zusammen?

Entscheidungen treffen, ohne alle Antworten zu haben

Es gibt diesen Moment im Poker, den jeder kennt, der das Spiel ernsthaft gespielt hat: Du sitzt da, hast eine Entscheidung vor dir, und egal wie sehr du nachdenkst, dir fehlt Information. Du weißt nicht, was dein Gegner genau hält, du weißt nicht, welche Karte als Nächstes kommt, und du wirst es auch nicht herausfinden, bevor du dich festlegen musst. Trotzdem musst du handeln.

Genau diese Fähigkeit, mit unvollständigen Informationen Entscheidungen zu treffen, ist wahrscheinlich das Wertvollste, was Poker mir für den Job beigebracht hat. Denn auch im Business, sowie im Leben generell, gibt es diesen perfekten Moment, in dem plötzlich alles klar ist, einfach nicht. Er existiert nicht. Und trotzdem verhalten sich viele Menschen so, als würde er irgendwann kommen, wenn man nur lange genug wartet, noch ein paar Daten sammelt oder noch eine Analyse dranhängt.

Ich habe 2019 eine Entscheidung getroffen, die sich für viele von außen komplett irrational angefühlt hat: Ich habe einen gut bezahlten Vollzeitjob mit allen Boni und Sicherheiten aufgegeben. Kein klarer Plan, keine garantierten Einnahmen, keine Struktur, die mich auffängt. Nur das Gefühl, dass Freiheit für mich wichtiger ist als Sicherheit und dass ich diesen Schritt gehen muss, auch wenn ich nicht alle Variablen kenne.

Wenn ich ehrlich bin, war das kein „mutiger Sprung”, sondern eher eine saubere Poker-Entscheidung. Ich habe mir angeschaut, welche Informationen ich habe, was mir wichtig ist und welche Risiken ich bereit bin zu tragen. Und auf dieser Basis habe ich entschieden. Nicht, weil ich wusste, dass es funktioniert, sondern weil es die beste Entscheidung war, die ich in diesem Moment treffen konnte.

Im Nachhinein wird so etwas oft romantisiert. Es hat funktioniert, also war es die richtige Entscheidung. Aber genau diese Logik ist gefährlich. Poker hat mir nämlich auch beigebracht, dass das Ergebnis nichts darüber aussagt, ob eine Entscheidung gut war. Es sagt nur aus, wie sie ausgegangen ist. Der Unterschied ist entscheidend.

Der Unterschied zwischen guten Entscheidungen und guten Ergebnissen

Einer der größten Denkfehler im Business ist die Gleichsetzung von Ergebnis und Qualität. Wenn etwas funktioniert hat, wird es als gute Entscheidung bewertet. Wenn es schiefgeht, war es angeblich ein Fehler. Das klingt logisch, ist aber fundamental falsch.

Im Poker kannst du alles richtig machen und trotzdem verlieren. Du kannst mit der besten Hand reingehen, mathematisch korrekt spielen und am Ende kommt genau die eine Karte, die dich schlägt. Wenn du anfängst, deine Entscheidungen nur anhand solcher Ergebnisse zu bewerten, wirst du zwangsläufig schlechter.

Ein zweigeteiltes Bild, das den Unterschied zwischen guten und schlechten Entscheidungen symbolisieren soll.

Im Job passiert genau das ständig. Projekte werden nach ihrem Ausgang beurteilt, nicht nach dem Entscheidungsprozess. Strategien werden verworfen, weil sie kurzfristig nicht funktionieren, obwohl sie langfristig sinnvoll wären. Und andersherum werden schlechte Entscheidungen gefeiert, nur weil sie zufällig ein gutes Ergebnis geliefert haben.

Für mich war das ein kompletter Perspektivwechsel. Ich habe angefangen, meine Entscheidungen nicht mehr danach zu bewerten, wie sie ausgegangen sind, sondern danach, ob sie auf einer sauberen Grundlage getroffen wurden. Hatte ich die relevanten Informationen? Habe ich sie richtig eingeordnet? Habe ich mir selbst nichts vorgemacht?

Gerade in der Selbstständigkeit ist das extrem wichtig. Es gibt genug Phasen, in denen Dinge nicht funktionieren, obwohl du objektiv nichts falsch gemacht hast. Wenn du dann anfängst, an jedem einzelnen Schritt zu zweifeln, nur weil das Ergebnis gerade nicht stimmt, verlierst du die Linie.

Tilt: Warum Emotionen oft leiser sind, als man denkt

Ein Begriff aus dem Poker, der im Business viel zu selten vorkommt, ist „Tilt“. Viele stellen sich darunter jemanden vor, der am Tisch ausrastet, Chips wirft und komplett die Kontrolle verliert. In der Realität ist Tilt viel subtiler und genau deshalb so gefährlich.

Tilt beginnt oft nicht mit einem Ausbruch, sondern mit kleinen Verschiebungen. Du wirst ungeduldig, du triffst Entscheidungen ein bisschen schneller als sonst, du rechtfertigst Dinge, die du normalerweise hinterfragen würdest. Es fühlt sich nicht dramatisch an, aber es verändert dein Verhalten.

Das habe ich früher vor allem in der Vollzeitanstellung gemerkt. Wenn Dinge passiert sind, die sich unfair angefühlt haben – fehlende Anerkennung, Arbeit, die keinen echten Wert hatte, Entscheidungen, die ich nicht beeinflussen konnte – hat sich das aufgestaut. Und auch wenn ich nicht offensichtlich „getiltet” war und meine Kollegen oder Vorgesetzten angebrüllt hatte, hat all dies meine Reaktionen beeinflusst.

Ich habe Entscheidungen emotionaler getroffen, habe Dinge persönlicher genommen, als sie eigentlich waren, und habe mich von Situationen treiben lassen, die ich nicht kontrollieren konnte. Genau das ist im Poker der Moment, in dem du anfängst, schlechte Hände zu spielen – nicht, weil du es nicht besser weißt, sondern weil du nicht mehr klar denkst.

Der Unterschied heute ist nicht, dass ich keine Emotionen mehr habe. Sondern dass ich besser erkenne, wann äußere Einflüsse anfangen, meine Entscheidungen zu beeinflussen. Die Selbstständigkeit hat mir dabei geholfen, weil ich mehr Kontrolle über mein Umfeld habe. Aber die Grundlage dafür, diesen Zustand überhaupt wahrzunehmen, kommt aus dem Poker.

Langfristiges Denken vs. die Realität von Experimenten

Poker zwingt dich dazu, langfristig zu denken. Du kannst alles richtig machen und trotzdem über Tage, Wochen oder sogar Monate verlieren. Diese Phase auszuhalten, ohne komplett deine Strategie über den Haufen zu werfen, ist eine der größten Herausforderungen.

Im Business klingt das erstmal ähnlich. Viele Strategien brauchen Zeit, um zu funktionieren. Wachstum passiert selten linear, sondern in Wellen. Und trotzdem reagieren viele extrem kurzfristig auf Schwankungen. Ein paar schlechte Wochen, ein Quartals-Meeting, und plötzlich wird alles hinterfragt.

Gleichzeitig gibt es aber einen wichtigen Unterschied, den ich vor allem aus meiner Zeit als Innovations-Managerin bei PokerStars mitgenommen habe: Nicht alles verdient es, langfristig verfolgt zu werden. Gerade im Innovationsbereich geht es oft darum, Dinge schnell zu testen, zu lernen und auch wieder zu verwerfen.

Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch. Auf der einen Seite brauchst du Geduld und langfristiges Denken, auf der anderen Seite die Fähigkeit, Dinge schnell zu beenden oder den Kurs zu korrigieren. Der Schlüssel liegt darin, zu unterscheiden, womit du es gerade zu tun hast.

Ist es ein solides Konzept, das Zeit braucht, um zu greifen? Oder ist es ein Experiment, das dir schnell zeigen soll, ob es Potenzial hat? Poker hilft dir dabei, diese Unterscheidung zu treffen, weil du ständig neu bewerten musst, welche Situation gerade vor dir liegt.

Ego, Disziplin und die Fähigkeit, loszulassen

Ein weiterer Punkt, der im Poker gnadenlos sichtbar wird, ist der Umgang mit dem eigenen Ego. Es gibt kaum etwas Schwierigeres, als eine starke Hand zu folden, wenn alle Instinkte dir sagen, dass du eigentlich vorne bist. Noch schwieriger ist es, eine Entscheidung loszulassen, in die du emotional investiert bist. Ähnlich mit dem Bankroll-Management – wenn man nicht mehr die nötige Bankroll für bestimmte Stakes hat, sollte man eine Stufe runtergehen. Die wenigsten Spieler können dies – aus Ego-Gründen.

Im Business zeigt sich das genauso. Menschen halten an Ideen fest, weil es ihre Ideen sind. Projekte werden weitergeführt, obwohl die Daten klar dagegen sprechen. Nicht, weil es rational sinnvoll ist, sondern weil man es sich nicht zugestehen möchte, dass es vorbei ist und man doch besser etwas anderes ausprobieren sollte.

Poker bestraft dieses Verhalten direkt. Wenn du nur deshalb callst, weil du „recht haben willst”, zahlst du dafür. Und genau dieses Mindset lässt sich übertragen. Gute Entscheidungen haben nichts mit Recht haben zu tun, sondern damit, die beste Option auf Basis der aktuellen Informationen zu wählen – auch wenn das bedeutet, etwas aufzugeben.

Muster erkennen und schneller reagieren als andere

Je länger man Poker spielt, desto weniger fühlt sich das Spiel wie eine Reihe einzelner Situationen an. Stattdessen beginnt man, Muster zu erkennen. Bestimmte Lines wiederholen sich, bestimmte Verhaltensweisen tauchen immer wieder auf, und plötzlich wird das Spiel schneller.

Genau diese Fähigkeit zur Mustererkennung ist im Business unglaublich wertvoll. Märkte verhalten sich nicht komplett zufällig, Menschen auch nicht. Wer aufmerksam genug ist, erkennt wiederkehrende Strukturen und kann darauf reagieren, bevor andere es tun.

Für mich bedeutet das oft, dass ich Situationen schneller einordnen kann. Dass ich erkenne, ob sich etwas in eine bekannte Richtung entwickelt oder ob es wirklich etwas Neues ist. Und dass ich Entscheidungen nicht jedes Mal komplett von vorne durchdenken muss, sondern auf Erfahrungen aufbauen kann.

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