Was passiert, wenn Pokerprofis zu Werwölfen werden? Ich war dabei!

Am Ende geht es nicht um Karten oder Rollen, sondern nur darum, wer die Lügen der anderen durchschaut.
Wenn der Morgen anbricht, wird aufgedeckt, wer in der Nacht gestorben ist, und dann beginnt die wahre Dynamik des Spiels, nämlich die Diskussion. Jeder versucht zu beweisen, dass er unschuldig und kein Werwolf ist. Jeder sucht nach dem kleinsten Anzeichen von Nervosität bei den anderen. Die Dorfbewohner wollen die Werwölfe entlarven, die Werwölfe wiederum versuchen, ihre Unschuld glaubwürdig zu spielen. Am Ende jeder Runde wird abgestimmt, wer „getötet“ wird, also wer aus dem Spiel fliegt.
Die Entscheidung basiert auf Bauchgefühl, Gruppendynamik und Manipulation. Und genau das ist der Reiz, und die Qual, von Werwölfe: Selbst wenn du recht hast, musst du die anderen überzeugen. Und wenn du falschliegst, hast du vielleicht gerade deinen letzten Verbündeten aus dem Spiel gewählt. Das Ziel ist simpel, denn die Dorfbewohner gewinnen, wenn alle Werwölfe eliminiert sind.
Die Werwölfe gewinnen, wenn nur noch sie in der Überzahl sind. Aber der Weg dahin ist ein soziales Minenfeld. Werwölfe ist also wie Poker ein Spiel über Menschen. Denn am Pokertisch geht es auch nicht um Karten. Es geht um Information, Kontrolle, Wahrnehmung und darum, glaubwürdig zu bluffen, wenn man muss.
Viele Pokerprofis lieben Werwölfe, weil sie darin dieselben Muskeln benutzen wie am Tisch. Menschen lesen, Reaktionen analysieren, mit Überzeugung lügen und vor allem sich selbst unter Kontrolle halten. Und so kommt es in Las Vegas, wo viele professionelle Pokerspieler leben, regelmäßig zu „Werewolves and Villagers“-Partien und da sind teilweise die größten Namen dabei, die die Pokerszene zu bieten hat. Ich erzähle euch in diesem Artikel, wie ich mich auf einmal selbst in so einer Runde wiederfand.
Vom Pokertisch in die Panorama Towers
Ich war 2014 in Las Vegas, meine letzte Nacht in der Stadt. Ich war müde, aber auch rastlos, dieser Zustand, in dem man gleichzeitig genug von Vegas hat und doch nicht gehen will. Da kam eine Nachricht von meinem Bekannten Tim, einem Highroller, der in den Panorama Towers wohnte: „Komm rüber. Wir spielen Werewolves & Villagers. Wird lustig.“
Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Ich wusste nur: Die Panorama Towers waren keine normalen Wohnhäuser. Drei gläserne Hochhäuser direkt hinter dem Aria, in denen zahlreiche Pokerspieler lebten. Am Gelände-Eingang merkte ich, dass das kein üblicher WG-Abend sein würde. Sicherheitsleute prüften meinen Reisepass und ich musste beweisen, dass ich eingeladen war.
Hoch oben in der richtigen Etage angekommen, öffnete ein mir unbekannter Typ mit einer Billardqueue in der Hand die Tür und ließ mich rein. Drinnen herrschte eine seltsame Mischung aus Partystimmung und Spannung: ein paar Leute am Billardtisch, Bierflaschen auf der Kücheninsel, Stimmengewirr aus dem Wohnzimmer.

In den Panorama Towers in Las Vegas fand die Werwölfe-Partie mit den Pokerprofis statt.
Dort saßen etwa zehn Leute im Kreis auf Sofas und Stühlen und beschuldigten sich gegenseitig: „Du bist der Werwolf!“ – „Nein, du!“ Ich blieb stehen und fragte mich ernsthaft, ob das ein Spiel oder ein Streit war. WPT-Champion Joe Bartholdi kam auf mich zu, sah mein erstauntes Gesicht, lachte und sagte: „Du siehst ein bisschen verloren aus.
Du hast das Spiel noch nie gespielt, oder?“ Ich schüttelte den Kopf. „Dann wird’s Zeit.“ Er erklärte mir im Schnelldurchlauf die Spielregeln und mir wurde bewusst, dass ich dem Ganzen nicht wirklich gewachsen war. Während er sprach, öffnete sich die Tür erneut und herein kamen drei weitere Spieler. Ich erkannte zwei davon sofort: siebenfacher WSOP-Bracelet-Gewinner Scott Seiver und Dylan Wilkerson. Scott rief beim Eintreten: „Who’s the werewolf?“
Tim stellte uns vor. Ich sagte etwas nervös: „Hi Scott, wir haben uns mal bei der EPT Berlin getroffen, Shaun Deeb hat uns vorgestellt. Ich arbeite für PokerStars.“ Scott grinste: „Ich weiß. Du bist Christin Maschmann, oder?“ Ich war völlig perplex. Die Situation für Frauen in der Pokerszene ist eine besondere, aber dass einer der erfolgreichsten Spieler der Welt meinen Namen wusste, das war surreal.
Das Spiel der Lügen beginnt
Wir setzten uns. Nachdem das vorherige Spiel seinen Abschluss gefunden hatte und alle ihre Drinks aufgefüllt hatten, sollte das nächste Spiel starten. Der Spielleiter verteilte die Karten. Ich zog die Rolle der Aura-Seherin, einer Dorfbewohnerin, die erkennen kann, wer im Spiel auch Sonderfähigkeiten hat. Eine interessante, aber komplizierte Rolle für eine Anfängerin.
Kaum waren die Rollen erklärt, begann Scott laut zu denken. In weniger als drei Minuten hatte er, mit dem Wissen, welche Rollen verfügbar waren, das komplette Spiel analysiert. Er legte dar, wer welche Fragen stellen sollte, um Informationen zu sammeln, welche Antworten logische Muster ergeben würden.
Er hatte diese Werwölfe-Runde quasi mathematisch gelöst, ohne dass wir überhaupt angefangen hatten. Ich saß daneben, beeindruckt und leicht überfordert, denn ich hätte mehr oder weniger preisgeben müssen, was meine Rolle war. Ich wollte das Spiel aber erleben und keinen Shortcut nutzen. Also schwieg ich und beobachtete.
Doch Schweigen ist gefährlich. Nach einiger Spielzeit zeigte Dylan Wilkerson auf mich und sagte trocken: „Die Frau mit der Brille. Sie sagt kein Wort. Ganz klar ein Werwolf.“ Alle Köpfe drehten sich. Ich war mitten in meinem Albtraum: alle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet und von Pokerprofis analysiert. Ich wurde rot, aber zum Glück war es dunkel genug im Raum, dass das sicher niemand sah.
Tim sprang mir bei und meinte, ich spiele zum ersten Mal und beobachte nur. Ich nickte eifrig. Ich hatte keine Strategie, keine Bluffs – nur die Wahrheit. Und in einem Spiel, in dem jeder lügt, wirkt Wahrheit verdächtig. Ich sagte, so ruhig ich konnte, dass ich einfach versuche, das Spiel zu verstehen. Für ein paar Sekunden herrschte Stille und ich wurde noch intensiver mit Blicken durchlöchert. Dann kam die Abstimmung – ich überlebte und ein anderer Spieler musste dran glauben.
Wie es bei diesem Spiel so ist, war es der analytischste Kopf im Raum, der als Erstes von den Werwölfen getötet wurde. Als es Zeit für die Werwölfe war, einen Spieler zu eliminieren, war es direkt Scott, der die Nacht nicht überlebte.
Zwischen Bluff und Bauchgefühl
Das Spiel ging weiter und ich merkte, wie meine Pokerinstinkte ansprangen. Das Beobachten von Mikroreaktionen, das Analysieren von Aussagen. Und je länger das Spiel dauerte, desto mehr Spaß machte es. Später blieben nur noch vier Spieler übrig: zwei, von denen ich sicher wusste, dass sie Sonderrollen hatten, also damit Dorfbewohner waren, ein Spieler, der mir von Anfang an suspekt war, und ich.
Wir wussten, dass noch ein Werwolf unter uns war, und als der suspekte Typ mich beschuldigte, nahm ich all meinen Mut zusammen und erklärte, dass ich die Aura-Seherin war und dass ich wisse, dass ER der letzte Werwolf sei, denn die anderen beiden hatten Sonderkräfte. Die Gruppe stimmte ab. Werwolf entlarvt. Dorfbewohner gewinnen. High Five. Ich, die stille Deutsche, die am Anfang kaum etwas gesagt hatte, hatte am Ende den entscheidenden Call gemacht.
Wenn Pokerprofis Werwölfe werden
Elf Jahre nach dieser Nacht in den Panorama Towers sah ich mir vor ein paar Wochen die ARD-Sendung „Werwölfe – Das Spiel von List und Täuschung“ an. Dort saß Sandra Naujoks, die 2009 die EPT Dortmund gewonnen hatte – eine Spielerin, die ich schon lange kannte und sehr schätze. Ich war neugierig, wie sie sich in diesem Format schlagen würde, denn wenn jemand dafür gemacht ist, Menschen zu lesen und elegant zu täuschen, dann eine Pokerspielerin. Ein Talent, das auch Spielerinnen wie Leo Margets an den Finaltisch der WSOP bringt.
Und tatsächlich, Sandra ging voll auf Angriff. Während viele andere vorsichtig agierten, beobachtete sie genau und entschied sich dann, direkt ihre Vermutungen zu äußern, wer ein Werwolf sein könnte. Die Hoffnung war, dass sie somit nicht von den Werwölfen gefressen werden würde, denn so würden sie beweisen, dass sie richtig geschlussfolgert hatte.
Aber das ist eben das Tückische an Werwölfe: Ihre offensive Strategie hätte brillant aufgehen können, doch die Werwölfe bekamen es mit der Angst zu tun. Sandra wirkte zu stark, zu kontrolliert, zu gefährlich, so wie Scott Seiver in meiner Vegas-Partie. Am Ende wurde es den Werwölfen zu heiß – und sie wurde eliminiert.

Ob am Pokertisch oder im Dorf von Werwölfe, am Ende erfordern beide Spiele dieselben Fähigkeiten.
Am Pokertisch versucht man, einen kühlen Kopf zu bewahren, selbst wenn es um hohe Einsätze geht. Im Dorf des Gesellschaftsspiels Werwölfe versucht man zu reden, ohne zu viel zu verraten. Beides erfordert dieselben Fähigkeiten, Beobachtung, Geduld, Empathie – und das Gespür, wann man besser vorsichtig und wann aggressiv vorgeht.
Ich habe unzählige Turniere gesehen, an zahllosen Tischen gesessen, Artikel über Erlebnisse wie meinen Besuch bei der WSOP geschrieben, Podcasts produziert und trotzdem fühle ich mich in dieser Welt manchmal wie ein Dorfbewohner zwischen lauter Werwölfen.
Aber vielleicht ist genau das mein Ich habe unzählige Turniere gesehen, an zahllosen Tisch
. Nicht als Raubtier, als Shark oder Werwolf, nicht als Heldin oder Pokerprofi, sondern als Beobachterin. Eine, die die Geschichten aufschreibt und darüber berichtet, während andere sich in die Schlacht stürzen. Vielleicht muss man manchmal gar nicht gewinnen, um Teil der Legende zu sein.
Diese Geschichte ist Teil meines Buches „StripNit“, in dem ich die Erlebnisse aus meinen ersten sieben Jahren in der Pokerindustrie und den ersten sieben Besuchen in Las Vegas zusammengefasst habe.