Meine goldenen Regeln für die Auswahl einer Wette

Wenn man so lange auf Spiele wettet wie ich, dann wird man zwangsläufig demütig. Nicht, weil man ständig verliert, sondern weil man lernt, wie wenig die Welt der Ergebnisse mit der Welt der Leistungen zu tun hat. Und weil man merkt, dass man sich in dieser Lücke, zwischen dem, was war, und dem, was wirklich war, eigentlich am wohlsten fühlt.
Ein Mann steht in einem halbvollen Wettbüro, blickt freudig auf sein Smartphone und jubelt mit erhobenen Armen.

Wer die goldenen Regeln des Fußballwet­tens kennt, verschafft sich einen echten Vorteil.

Ich habe in den letzten 35 Jahren unzählige Spiele gesehen, berechnet, beobachtet, verwettet, verworfen und neu gedacht. Dabei haben sich ein paar Prinzipien herauskristallisiert, die ich als meine „goldenen Regeln“ bezeichnen würde. Nicht, weil sie unfehlbar sind, sondern weil sie mich schon oft vor der Herde gerettet haben. Und weil sie auf eine einfache Wahrheit hinauslaufen: Der Markt reagiert und ich beobachte. Und das ist ein wichtiger Ansatz.

Regel 1: Die Tabelle lügt gerne mal – Ergebnisse sind keine Leistungen

Es ist eine dieser schlichten, aber schwer zu akzeptierenden Wahrheiten: Die Tabelle zeigt Ergebnisse, nicht die Qualität dahinter. Der Markt schaut auf Zahlen, der erfahrene Wetter schaut auf das, was dahintersteckt.

Das Muster ist fast immer dasselbe: Eine Mannschaft verliert zwei Spiele, die Öffentlichkeit erklärt sie für „außer Form“, und der Markt zieht nach. Die Quoten steigen, weil die Meinung herrscht, da stimme was nicht. In Wirklichkeit hat das Team vielleicht einfach zweimal gegen stärkere Gegner gespielt oder einmal Pech gehabt oder zweimal. Und schon öffnet sich die Lücke zwischen Wahrnehmung und Realität, die Stelle, an der eine Wette interessant werden könnte.

Ähnliche Verzerrungen sieht man auch im Fernsehen, wo Quoten und öffentliche Wahrnehmung oft stark auseinandergehen, wie ein Blick auf die Gewinner und Verlierer im Game-Show-Jahr 2025 zeigt.

Ein Mann steht in einem halbvollen Wettbüro und schaut mit Verwunderung und Entsetzen auf seinen Wettschein in der linken Hand.

Nicht jede sichere Wette ist eine sichere Wette.

Im Fußball kommt es nicht selten zu Verzerrungen. Man erinnert sich sicher gut an den Saisonstart von RB Leipzig. 0:6 in München, eine Niederlage, die wie eine Katastrophe beschrieben wurde. Hohe Niederlagen werden gerne mal überbewertet, dabei gibt es auch für ein 0:6 „nur“ null Punkte, für ein 6:0 auch nur drei. Aber es heißt sofort: Krise, Verunsicherung, was ist los bei Leipzig?

Schaut man aber auf die Leistung, war das Spiel nicht so einseitig wie das Ergebnis. Bayern traf mit jedem zweiten Schuss, Leipzig hatte seine Chancen, die xG (Expected Goals) sprachen für ein deutlich engeres Spiel. Und was passierte danach mit Leipzig? Sechs Spiele ohne Niederlage, fünf Siege, ein Unentschieden. Mittlerweile (22.10.25) Platz 2.

Das ist typisch: Der Markt übersieht oft, gegen wen jemand verliert. Eine klare Niederlage in München ist keine Schande – aber sie sieht schlimm aus. Hingegen kann ein knapper Sieg gegen einen schwachen Gegner die Leistung verwischen. Deshalb lohnt sich der zweite Blick. Die Tabelle sagt: Leipzig schlecht gestartet. Die Leistung sagt: nichts passiert.

Das ist kein Aufruf, blind gegen den Trend zu wetten. Aber es ist die Erinnerung, dass der Trend selten die ganze Wahrheit erzählt. Der Markt neigt zur Überreaktion, besonders bei Ergebnissen mit Signalwirkung. Und wenn man diesen Reflex erkennt, dann erkennt man auch Value – den Unterschied zwischen öffentlicher Meinung und tatsächlicher Leistung.

Regel 2: Kenne die Geschichte hinter der Quote

Es gibt nichts Gefährlicheres, als eine gute Quote zu sehen und zu denken: „Das ist hoch, das nehme ich!“ Ohne zu verstehen, warum sie so hoch ist. Jede Quote hat eine Geschichte und nicht jede Geschichte stimmt. Das erinnert mich an Pokerprofis in einer Werwölfe-Runde, wo plötzlich nicht mehr nur Mathematik, sondern Menschenlesen entscheidend ist.

Im Fußball ist die Begründung manchmal banaler: Ein Starspieler fällt aus, und schon reagiert der Markt. Manchmal ist sie komplexer: viele Spiele, weite Reisen, Stimmung, Trainerdiskussion. Und manchmal ist sie schlicht Panik. Wer das Spiel der Marktreaktionen einmal eine Weile beobachtet hat, erkennt diese Muster und erkennt die Überreaktion.

Ein schönes Beispiel stammt aus der Frühphase der Corona-Zeit. Ich erinnere mich an ein Spiel von Olympique Lyon, bei dem es hieß, elf Spieler seien ausgefallen. Damals war das noch neu, niemand wusste, wie ernst solche Meldungen zu nehmen sind. Der Kurs auf den Gegner fiel innerhalb weniger Stunden von 2,60 auf 1,60, ein Absturz, wie man ihn selten sieht.

Die Nachricht wirkte wie ein Schock. Das war krass übertrieben, wie sich bald zeigte. Die Quote normalisierte sich wieder Richtung 2,20. Das ist ein Extrembeispiel, aber es zeigt, wie reflexhaft der Markt reagiert. „Elf Ausfälle“ klingt gigantisch. Ein ganzes Team? Wichtiger ist zu schauen, wer spielt. Genau in solchen Momenten lohnt es sich, nachzudenken.

Wenn man versteht, warum eine Quote steht und wo sie steht, kann man entscheiden, ob der Grund berechtigt ist. Manchmal ist er es. Oft aber nicht. Wenn zum Beispiel unter der Woche ein wichtiges Champions League Spiel stattfindet, gibt es oftmals eine Reaktion. Das ist nicht automatisch falsch, kann aber übertrieben sein.

Die Frage ist: Wie stark rotiert der Trainer wirklich, wie relevant ist der Gegner, wie viele Kilometer liegen zwischen den Austragungsorten? Kenne die Geschichte hinter der Quote und erkenne, wann sie nur eine Geschichte ist.

Regel 3: Es lohnt sich, das Unangenehme zu spielen

Wenn es beim Wetten so etwas wie Mut gibt, dann zeigt er sich in der Bereitschaft, unpopuläre Mannschaften zu spielen. Die besten Wetten sind oft die, bei denen man denkt: „Oh nein, bitte nicht die.“ Ich habe im Laufe der Jahre eine gewisse Zuneigung zu Tabellenletzten entwickelt. Nicht aus Mitleid, sondern aus Erfahrung. Diese Mannschaften sind selten so schlecht, wie die Tabelle vermuten lässt.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Manchmal stimmt der letzte Platz, weil einfach alles schiefläuft. Aber oft sind es Nuancen wie verpasste Chancen, Pech, ein paar Entscheidungen gegen sie, Ausfälle. Der Markt sieht: letzter Platz, vier Punkte aus acht Spielen – Katastrophe! Ich sehe: ein Team, das in vier Spielen besser war, zweimal unverdient verloren hat und jetzt eine Quote bekommt, die das nicht widerspiegelt.

Solche Wetten fühlen sich meist nicht so großartig an. Aber wenn man oft genug damit getroffen hat, reibt man sich die Hände. Niemand möchte auf Verlierer setzen, schon gar nicht nach einer miserablen Serie. Ich schon. Und es hat sich rentiert. Wenn alle sagen: „Was willst du denn mit denen?“, dann fängt das Denken an.

Ich erinnere mich an unzählige Fälle, in denen ich solche Wetten gespielt habe, mit Teams, die gerade unten durch waren. Und oft kam das Comeback genau dann. Nicht, weil ich hellsehen kann, sondern weil Übertreibung eben immer in beide Richtungen funktioniert.

Die Euphorie nach Siegen, die Depression nach Niederlagen, beides treibt die Kurse. Das heißt nicht, dass man jeden Tabellenletzten spielen sollte. Aber man sollte sich fragen, ob die Krise real ist oder bloß gefühlt. Eine Serie ohne Sieg kann auch einfach Pech sein. Und Pech ist flüchtig.

Regel 4: Entwickle deine eigene Einschätzung – bevor du den Markt ansiehst

Das ist vielleicht die wichtigste Regel von allen: Man braucht eine eigene Zahl, bevor man die Zahl des Marktes sieht. Eine eigene Einschätzung, bevor man auf „Odds“ klickt. Sonst wird man unweigerlich von der Fremdeinschätzung gelenkt und das ist das Gegenteil von Wetten.

Ich rechne seit vielen Jahren mit meinen eigenen Modellen, und die sind natürlich nicht perfekt. Aber sie sind meine. Ich sehe ein Spiel, überlege, welche Faktoren wichtig sind. Dazu zählen Gegner, Form, Heimvorteil, Verletzungen und Motivation. Nur so komme ich zu einer Einschätzung, was eine faire Quote wäre. Erst dann schaue ich, was der Markt sagt.

Wenn man es andersherum macht, ist man automatisch beeinflusst. Man darf gerne dazulernen und sich selbst gegenüber kritisch sein, hier und da anpassen. Aber dennoch ist es der optimale Start. Mache deine eigene Quote. Vielleicht liegst du richtig, und der Markt liegt daneben. Aber du wirst es nur merken, wenn du vorher eine eigene Meinung hattest.

Es geht dabei nicht nur um Modelle oder Mathematik. Auch Intuition spielt eine Rolle. Wenn du seit Jahren Fußball schaust, erkennst du Muster, die kein Algorithmus erfasst. Aber Intuition sollte nie der Ersatz für Analyse sein, eher eine zweite Stimme, die nachfragt: „Bist du sicher?“

Das Schöne an einer eigenen Einschätzung ist, dass sie unabhängig macht. Du kannst dich mit dem Markt messen, du kannst ihn prüfen, du kannst Fehler erkennen. Und du wirst feststellen: Der Markt hat meistens recht, aber eben nicht immer. Und genau in diesem „nicht immer“ liegt dein Vorteil.

Zwischenfazit: Der Markt reagiert, du denkst

Wenn man diese vier Regeln zusammennimmt, ergibt sich ein einfaches Prinzip: Der Markt schaut nach hinten und du schaust nach vorn. Er reagiert auf das, was passiert ist, und zwar auf Tore, Punkte, Schlagzeilen. Du versuchst zu verstehen, warum es passiert ist und ob es wieder passiert. Das klingt trivial, ist aber die ganze Kunst des Wettens. Alles andere, wie Quoten, Modelle, Statistiken, sind Werkzeuge, keine Wahrheit.

Ein letzter Gedanke

Es gibt diese typische Frage: „Was ist dein Geheimnis?“ Und ich antworte: „Es gibt kein Geheimnis.“ Erfolgreiches Wetten besteht nicht darin, mehr zu wissen als alle anderen, sondern darin, anders zu denken als die meisten.

Ein Mann hält jubelnd ein Bündel Geldscheine in die Höhe, während eine weitere Person neben ihm überrascht und fragend auf ihn blickt.

Wer Erfolg haben will, setzt manchmal gerade auf das, worauf niemand sonst setzt.

Der Markt ist klug, aber auch träge. Und er ist nicht neutral, denn er wird von Anbietern, Medien und Anreizen geformt, die versuchen, Entscheidungen emotional aufzuladen, etwa durch außergewöhnliche Bonus Aktionen, die den Eindruck eines zusätzlichen Vorteils erzeugen. Er folgt Trends, Gewohnheiten, Emotionen. Wer bereit ist, einen Schritt danebenzustehen, nicht gegen den Markt, aber auch nicht mit ihm, der findet hin und wieder den kleinen Vorsprung, den man braucht.

Meine goldenen Regeln sind kein System, sondern eine Haltung. Skepsis gegenüber schnellen Urteilen, Respekt vor Zufall, Vertrauen in den eigenen Verstand. Wenn man die behält, dann verliert man vielleicht mal eine Wette, aber nicht den Überblick. Und am Ende geht es genau darum. Nicht um den einen großen Gewinn, sondern um das gute Gefühl zu wissen, warum man etwas gesetzt hat. Denn wenn man das weiß, dann ist jede Wette, egal wie sie ausgeht, wenigstens eine ehrliche.

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