UK: Gauselmann kritisiert Regierung

Eigentlich hatte sich Paul Gauselmann (86) in Großbritannien um verbesserte Beziehungen zwischen Glücksspiel und Politik bemüht, doch die Coronakrise hat die Situation entscheidend verändert: Ähnlich wie in Deutschland übt der Merkur-Chef scharfe Kritik am Wiedereröffnungsplan der britischen Regierung. Da Spielhallen von den Öffnungen ab 12. April ausgeschlossen sind, hat Gauselmann sogar einen Brief an Premierminister Boris Johnson geschrieben. Mit welchen Argumenten rechtfertigt der Automatenkönig seine Kritik?

Der Roulette-Tisch einer Spielbank.

Im Gegensatz zu Spielhallen dürfen Wettbüros schon ab dem 12. April wiedereröffnen. ©Stux/Pixabay

Coronakrise sorgt für Missmut

Noch im August 2020 hatte Gauselmann eine politische Initiative in UK gestartet, um die Politiker des Landes über die Bedeutsamkeit des legalen Glücksspielsektors zu informieren. Da ein Ende der Coronakrise nicht in Sicht ist und Spielhallen bei den Wiedereröffnungsplänen der Regierung erneut hintenanstehen müssen, hat sich Gauselmanns Enthusiasmus nun scheinbar in Missmut verwandelt.

In einem Brief an Premierminister Boris Johnson, Schatzkanzler Rishi Sunak und den Staatssekretär für Wirtschaft, Energie und Industriestrategie, Kwasi Kwarteng, äußert der Merkur-Chef harsche Kritik an den Wiedereröffnungsplänen. Vor allem geht es Gauselmann dabei um die Entscheidung, dass Spielhallen, Casinos und Bingohallen von der Liste der nicht lebensnotwendigen Einzelhandelsgeschäfte, die ab dem 12. April wieder öffnen dürfen, ausgeschlossen wurden.

174 Cashino-Standorte betroffen

Im Gegensatz zu Wettbüros dürfen die benannten Etablissements ihre Pforten erst ab dem 17. Mai, also über einen Monat später, wieder aufmachen. Gauselmann fordert die Regierung dazu auf, die Entscheidung erneut zu überprüfen und zu überdenken. Die Spielstätten seien den Wettbüros in Bezug auf ihre Größe und den Kundenumsatz sehr ähnlich, weshalb die jetzige Entscheidung äußerst enttäuschend und bedauerliche sei.

In Großbritannien betreibt die im nordrhein-westfälischen Espelkamp stationierte Gauselmann Gruppe 174 Standorte unter der Merkur-Tochter Cashino. Laut Gauselmann zögen die Spielstätten im Vergleich weniger Kunden an, die nicht lange blieben. Darüber hinaus würden auch Wettbüros Spielautomaten betreiben. Man könne die Entscheidung, von den Wiedereröffnungen ausgeschlossen zu werden, daher nicht nachvollziehen.

Im Oktober 2020 hatte Gauselmann eine soziale Initiative in UK gestartet – das sogenannte Programm 360 ist laut Gauselmann das landesweit größte Projekt für verantwortungsvolles Glücksspiel. Die Initiative, die in enger Abstimmung mit der in Amsterdam sitzenden Global Gambling Guidance Group (G4) entwickelt wurde, setzt auf eine Verbesserung des Spielerlebnisses, bei gleichzeitigen neuen Spieler- und Verbraucherschutzstandards. So sollte eine verantwortungsvolle Spielkultur im Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben heranwachsen, doch durch die Schließungen kann das Projekt seit längerem nicht weiterverfolgt werden.

Durch die Verzögerungen gegenüber Wettbüros sieht Gauselmann sich einem großen Wettbewerbsnachteil ausgesetzt. Der deutsche Automatenkönig und ehemalige VDAI-Vorstandschef befürchtet, dass jahrelange Stammkunden abspringen, außerdem würden die Zukunftsinvestitionen der Gauselmann Gruppe beschädigt. Man sei besorgt und stehe enorm unter Druck. Man könne die Bedenken der Regierung zwar verstehen, jedoch auch ein sicheres Spielerlebnis unter Infektionsschutz garantieren.

Erstmals rote Zahlen bei Gauselmann

Es ist kein Geheimnis, dass die Lockdowns der landbasierten Glücksspielbranche schwer zusetzen. Bei Gauselmann sind europaweit etwa 700 Spielhallen dicht, beinahe alle 14.000 Mitarbeiter stecken in Kurzarbeit. Die jüngsten Meldungen zeigen, dass auch Gauselmann, der bisher ohne Kündigungen durch die Krise kam, immer mehr unter Zugzwang steht. Im Februar meldete das familiengeführte Unternehmen erstmals in seiner 63-jährigen Geschichte rote Zahlen.

Die Verluste wurden von einem Unternehmenssprecher bestätigt: Der Umsatz im Jahr 2020 sei gegenüber dem Vorjahr um satte 30 Prozent eingebrochen. Nicht nur das Geschäft mit Spielhallen, sondern auch die Automatenherstellung hinke nach. Die Situation würde die Reserven des Merkur-Inhabers vehement beanspruchen. 2019 lag der Außenumsatz noch bei 2,5 Mrd. Euro, der Innenumsatz sogar bei 3,4 Mrd. Euro.

Die Coronakrise wirke sich inzwischen so gravierend aus, dass sich, so Gauselmann, rote Zahlen erstmals nicht mehr vermeiden ließen. Die vom Staat zugesagten 75-Prozent-Hilfen für November und Dezember seien stark eingeschränkt gewesen. Um angemessene Hilfe zu bekommen, müsse man gegen einen Wulst aus Bürokratie ankämpfen. Eine Verbesserung der Situation sehe man zurzeit nicht.

Kritik auch an Deutscher Regierung

In einer Stellungnahme kritisierte Paul Gauselmann auch die Lockdown-Politik der Bundesrepublik: Die Schließungen seien völlig undifferenziert und unverhältnismäßig. Es sei unverantwortlich, dass keine Rücksicht auf die Besonderheiten von Spielhallen genommen werde. In den Einrichtungen stehe genügend Raum zur Verfügung. Die Einhaltung eines Mindestabstands von zwei Metern sei gewährleistet.

Darüber hinaus würden Maskenpflicht und Hygienevorschriften eingehalten. Die Politik treffe aber dennoch pauschale Entscheidungen, eine Analyse der Fakten bliebe aus, so der Merkur-Chef. Für die Zukunft wünsche man sich politische Einsicht, denn die Spielfreude der Menschen würde unter Corona keineswegs abnehmen, was auch die Umsätze nach dem ersten Lockdown bewiesen hätten. Ob die Regierungen auf Gauselmanns Argumente reagieren werden, bleibt vorerst abzuwarten.

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