Steht das Lottospiel vor dem Aus?

Nach Ansicht von Politikern und Branchenexperten steht das staatlich kontrollierte Glücksspiel in Deutschland vor immensen Problemen. Wachsende Konkurrenz und Werbebeschränkungen setzen die Branche unter Druck. Ohne Änderungen könnte es zum Kollaps kommen.

Die Beteiligten wählen drastische Worte, um den Zustand des hiesigen Lottospiels zu beschreiben: „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Spiel vor dem Aus steht“, sagt etwa Norman Faber, Namensgeber der bekannten Spielergemeinschaft im Gespräch mit der Welt am Sonntag. Hans-Jörn Arp, Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag, stimmt zu und grenzt ein: „Wenn in diesem Jahr nichts passiert, ist der deutsche Lottoblock nicht mehr zu retten“. Woher rührt diese Untergangsstimmung?

Im deutschen Lotto- und Totoblock (DLTB) sind die staatlichen Lotteriegesellschaften der Bundesländer zusammengefasst. Sie haben ein Monopol auf die Durchführung von Lotterien in ihrem Zuständigkeitsgebiet. Doch trotz dieser Stellung befindet sich das Geschäft unter Druck. Der Niedergang des deutschen Lottosektors begann, da sind sich die Experten einig, im Jahr 2008 mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag. Ähnlich wie im Bereich der Sportwetten mit Oddset sollte der Staat auch beim Lotto die führende Rolle einnehmen und den Schutz der Spieler priorisieren. Die Lotteriegesellschaften der Länder und ihre privaten Vertriebspartner wurden daher Werbeeinschränkungen unterworfen.

Die Wirkung dieser Beschränkungen wurden schnell sichtbar. Laut Deutschem Lottoverband, einer Organisation der privaten Lotterievermittler, ging bereits im ersten Jahr nach Erlass der Vorschriften der Umsatz um eine Milliarde Euro zurück. Nach Berechnungen des Verbandes sind seit 2006 sogar Mindereinnahmen von 36 Milliarden Euro zu verzeichnen. Diese Zahl ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, sie entspringt Hochrechnungen anhand der Umsatzentwicklung anderer europäischer Lotterien, die weniger strikten Werbevorschriften unterliegen. Ob sich das deutsche Spiel analog entwickelt haben würde, darf bezweifelt werden.

Konkurrenzdruck nimmt zu

Als sicher darf hingegen gelten, dass dem klassischen Lotto, hierzulande gern als „6 aus 49“ gespielt, erhebliche Konkurrenz erwachsen ist. Das Angebot an Glücksspielen hat sich, nicht zuletzt durch den Onlinevertrieb über Ländergrenzen hinweg, deutlich verbreitert. Sportwetten und Online Casinos verzeichnen enormes Wachstum, trotz regulatorischer Probleme im deutschen Markt.

Auch in ihrem Kerngeschäft werden Lotterien bedroht. Private Anbieter drängen auf den Markt und kopieren dabei teilweise das Angebot des Originals. Auf etlichen Internetseiten kann das deutsche „6 aus 49“ gespielt werden. Allerdings ohne einen echten Spielschein zu erwerben, die Seiten fungieren als Wettvermittler auf den Ausgang des Originalspiels. Insbesondere Lottoland hat sich mit diesem Modell einen Namen gemacht und bietet gleichzeitig eine größere Angebotsvielfalt mit etlichen internationalen Lotterien.

Der DLTB sieht in solchen Angeboten freilich illegale Konkurrenz, „schwarze Lotterien“, die ihre Angebote dreist kopieren und Kunden in die Irre führen. Lottoland bemüht sich davon unbeeindruckt jedenfalls um eine eigene Lizenz zur Durchführung echter Lotterien. Unabhängig vom Ausgang eines solchen Verfahrens ist klar, dass die Konkurrenz kaum verschwinden wird. Das Online Glücksspiel in Deutschland wächst und wird de facto vom Staat geduldet.

Die Mär vom Gemeinwohl

Dagegen wehrt sich der DLTB, gerne unter Verweis auf den Beitrag, den man selbst für die Allgemeinheit leiste. Dass es den Verantwortlichen aber auch um ihr eigenes Auskommen gehen dürfte, zeigt eine nähere Betrachtung der Verwendung der Einnahmen: Etwa 40 % der Spielerträge des Lotto kommen in Deutschland gemeinnützigen Zwecken zugute, sind teilweise zweckgebunden und fließen in Sportförderung, Umwelt- und Jugendprojekte. Weitere 50 % gehen über die Gewinnklassen zurück an die Spieler.

Lediglich 2,8 % der Gesamteinnahmen bleiben bei den Lotteriegesellschaften. Doch bei einem Gesamtvolumen von etwa 7 Mrd. Euro an Spielerträgen sind das noch rund 200 Mio. Euro. Und davon werden auch üppige Gehälter an die Spitzenfunktionäre bezahlt. Nach einer Recherche der „Welt“ von 2016 bezogen einige Chefs der 16 Landesverbände hohe sechsstellige Jahresgehälter und erhielten Dienstwagen samt Chauffeur. Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki bescheinigte damals einigen Lottomanagern das „Auftreten kleiner Sönnenkönige“.

Auch in diesem Zusammenhang muss das lauter werdende Lamento der Lottobranche gehört werden. Und nicht nur Funktionäre profitieren von diesem System. Auch Politiker bedienen sich nach Angaben der Zeitung gerne bei den Steuererträgen des Lottospiels und fördern damit Projekte ihrer Wahl – nicht selten auch parteinahe Stiftungen. Vielleicht geht es also denen, die den Untergang des Lottos befürchten, nicht nur um Gemeinwohl und sicheres Spiel, sondern schlicht um die eigene Zukunft und politischen Einfluss.

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