Lottochefin Sieb verweigert Aussage

Die Überprüfung der potenziell illegalen Geschäftsaktivtäten von Lotto Sachsen-Anhalt sorgte 2020 regelmäßig für Schlagzeilen. Im Fokus standen vor allem außergewöhnlich hohe Spieleinsätze und Gewinnausschüttungen in der Lotto-Filiale Zerbst. Nach einigen Terminänderungen wegen Corona hat der Untersuchungsausschuss nun seine Zeugenbefragungen fortgesetzt: Verhört wurden die Lottochefs Maren Sieb und Ralf von Einem, ebenso der Ex-Innenminister Holger Stahlknecht (CDU).

Ein Lottoschein mit Kugelschreiber.

Der potenzielle Skandal um Lotto Sachsen-Anhalt hatte sich 2020 immer mehr zugespitzt. ©Hermann/Pixabay

Chefposition ohne Anforderungsprofil

Wegen dubioser Geschäftsvorgänge waren die Lottochefs Maren Sieb und Ralf von Einem im Dezember fristlos entlassen worden. Jetzt wurden sie von dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss befragt: Bei Sieb ging es vorerst um die Frage, wie sie an die Position der Geschäftsführerin gelangt ist. Sieb erklärte, sie sei im Jahr 2012 von dem damaligen Innenstaatssekretär Ulf Gundlach auf die Position angesprochen worden.

Gundlach war bis 2016 Staatssekretär von Holger Stahlknecht (CDU), welcher als Innenminister für die Glücksspielaufsicht zuständig war und ebenfalls vor dem Ausschuss aussagen musste. Sieb bekundete, sich nach dem Gespräch mit Gundlach auf die Stelle beworben zu haben, daraufhin habe sie das weitere Verfahren durchlaufen. Obwohl es sich um eine Chefposition gehandelt hat, sei ihr dabei kein spezielles Anforderungsprofil vorgelegt worden.

Erinnerungslücken bei Stahlknecht

Bei dem Verhör wollte Sieb sich nicht zu ihren Entscheidungen als Geschäftsführerin äußern, sie verweigerte die Aussage. Der zweite fristlosentlassene Lottochef Ralf von Einem schloss sich Sieb an. Fragen zum Umgang mit den verdächtigen Zerbster Großspielern blieben unbeantwortet, was auch für die Befragung von Ex-Innenminister Stahlknecht gilt. Dieser erklärte, erst durch die Arbeit des Untersuchungsausschusses von den fragwürdigen Vorgängen erfahren zu haben.

Die Frage, wann genau Stahlknecht davon Kenntnis nahm, dass die frühere Journalistin und Unternehmerin Sieb als Lottochefin eingesetzt wird, konnte Stahlknecht ebenfalls nicht beantworten. Der 56-jährige CDU-Politiker bekundete, sich schlichtweg nicht mehr daran erinnern zu können.

Wie wurde Maren Sieb Lottochefin, obwohl sie keinen Hochschulabschluss besitzt? Dieser Frage musste sich der Lotto-Personalberater Tiemo Kracht stellen. Laut Kracht, der in seiner Laufbahn schon mehrfach Personen für Spitzenpositionen bei Lotto ausgesucht hat, sei ein Hochschulabschluss keine Zugangsvoraussetzung, um bei Lotto Geschäftsführer zu werden. Zudem würden die Bewerber nur selten alle Kriterien erfüllen. Dass plötzlich ein Duo an die Führungsspitze gesetzt wurde, sei für Kracht aber überraschend gewesen. Im Vorfeld habe man zudem einige Bewerber von West-Lotto abgelehnt, da man lieber im eigenen Land gesucht habe.

Erneut haben die Zeugenbefragungen des Ausschusses somit nicht die gewünschten Ergebnisse geliefert. Der Zeitdruck nimmt zu, denn die Arbeitsgruppe wird nur noch bis zur Landtagswahl im Juni existieren. Eine nächste Sitzung ist daher schon diese Woche geplant. Welche Zeugen vorgeladen wurden, ist bis dato noch nicht bekannt. An einen Abschlussbericht ist derzeitig noch nicht zu denken. Die Entwicklungen bleiben abzuwarten.

Zu den Hintergründen

Ausschlaggebend für die Überprüfung von Lotto Sachsen-Anhalt waren außergewöhnlich hohe Spieleinsätze und Gewinnausschüttungen in der Lotto-Filiale Zerbst. Die Vorgänge seien von der Geschäftsführung nicht hinreichend transparent gemacht worden. Innerhalb eines halben Jahres hatten neun Spieler über 100.000 Euro an Wetteinsätzen bei Oddset platziert. Die Gewinne waren auffallend hoch, schnell stand der Verdacht von Geldwäsche im Raum.

Woher die Summe ursprünglich stammt, ist bis heute ungeklärt. Brisant ist, dass der Ehemann von Geschäftsführerin Sieb eine neuartige Lotto-Software mitentwickelt hatte, was eine Reihe zusätzlicher Fragen aufwarf, die ebenfalls noch ungeklärt sind. Die Filiale wurde inzwischen geschlossen. Finanzminister Michael Richter sprach eine außergewöhnliche Kündigung für den Betrieb aus.

Das Vorgehen der Geschäftsführer sei, so der Politiker, geschäftsschädigend, außerdem sprach Richter von einem gebrochenen Vertrauensverhältnis aufgrund einer unzureichenden Informationspolitik. Sieb und von Einem bekundeten hingegen, die Vorgänge, wie gesetzlich vorgeschrieben, bei den Behörden gemeldet zu haben, was sich bisher jedoch nicht bestätigte.

Auch andere deutsche Lottogesellschaften hatten sich in der Zwischenzeit eingeschaltet: So bekundeten Lotto Bayern und Lotto Niedersachsen sich bereits 2018 an Lotto Sachsen-Anhalt gewandt und auf die dubiosen Vorgänge aufmerksam gemacht zu haben. Man habe Bedenken über geschäftsschädigendes Verhalten geäußert und zudem ein Einsatzlimit vorgeschlagen. Sachsen-Anhalt habe folglich erklärt, die Vorgänge überprüfen zu wollen, weitere Rückmeldungen blieben jedoch aus.

Mehr Transparenz gefordert

Der potenzielle Skandal um Lotto Sachsen-Anhalt sorgte dafür, dass mehr Transparenz bei Lotto gefordert wird. Vor allem die mangelnde Transparenz bei der Fördermittelvergabe wurde im August vom Thüringer Rechnungshof kritisiert. Es ging um die Frage, wozu die Fördergelder genau verwendet werden. Der Rechnungshof sowie die Ministerien erscheinen an dieser Stelle ratlos. Alle Details für die Vergabe der Fördergelder werden im Glücksspielgesetz geregelt, es gelten strenge Auflagen.

Klar ist, dass die Mittel ausnahmslos an kulturelle, soziale, umweltaktivistische oder sportliche Instanzen verteilt werden dürfen. Wozu genau die Gelder letztlich verwendet werden, bleibt jedoch meistens unklar. Das Glücksspielgesetz soll in diesem Punkt weiter verbessert werden. Auch die Nachweiskriterien sollen aktualisiert werden.

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