Campione: Die gravierende Folgen der Casino-Schließung

Seit der Schließung des Casinó di Campione im vergangenen September kämpft die italienische Exklave Campione d’Italia am Luganersee (Südschweiz) ums Überleben. An der Promenade prangen Banner mit der Aufschrift „SOS – Campione is DEAD“. Das erstmals 1917 eröffnete Casino war über Jahrzehnte der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Region. Hier ein Überblick zu den gravierenden Entwicklungen.

Das Casinó di Campione in Campione d’Italia.

Das Casino Campione war jahrzehntelang die einzige große Einnahmequelle von Campione d’Italia. (©Wikipedia)

Kein Geld mehr zum Essen

Eigentlich hätten in der italienischen Exklave Campione d’Italia die Kommunalwahlen am Sonntag (26.05.) parallel zur Europawahl abgehalten werden sollen, doch Kandidaten dafür gab es keine, die Abstimmung fiel ins Wasser. Dies ist nur eine der vielen dramatischen Folgen, mit denen das rund 2.000 Einwohner zählende Dorf seit der Schließung des Casinó di Campione zu kämpfen hat. Die 85 Gemeindeangestellten erhalten bereits seit über einem Jahr kein Gehalt mehr.

Zum Verständnis: Auf Grund von dauerhafter Zahlungsunfähigkeit wurden die Pforten des 50 Mio. € teuren, zehn Stockwerke hohen Etablissements im September 2018 geschlossen. Rund 500 Arbeitnehmer wurden von einem auf den anderen Tag entlassen, die Türen des Casinos offiziell und dauerhaft versiegelt. Durchgeführt wurde die Aktion von den Finanzbeamten der italienischen Provinzstadt Como.

Erst 2017 hatten die Anwohner der Gemeinde das 100-jährige Jubiläum des Casinos gefeiert. Der Umzug von Europas bis dato größtem Casino (55.000 Quadratmeter) in das neue hochmoderne Casinogebäude des Stararchitekten Mario Botta lag damals nur 11 Jahre zurück.

Mittlerweile zählt das Dorf rund 800 Arbeitslose. Die Schulden des Casinos belaufen sich auf insgesamt 155,6 Mio. €. Die Haushaltskasse der Exklave schreibt inzwischen ein Minus von satten 124 Mio. €. Laut aktuellen Berichten von Zeit Online fehlt inzwischen einigen Dorfbewohnern sogar das Geld zum Essen. Wie es heißt wurden das Altersheim, der Kindergarten und das Tourismusbüro des Dorfs bereits geschlossen. In der Schule werden darüber hinaus nur noch die nötigsten Räume beheizt.

Demonstrationen seit mehreren Monaten

Das Aufstellen von Bannern mit dem Slogan „SOS – Campione is DEAD“ (z. dt. „Hilfe – Campione ist tot“) ist nur eine der vielen Protestaktionen, die die Anwohner der Gemeinde schon seit mehreren Monaten abhalten. Fast täglich versammeln sich ehemalige Angestellte vor dem Gebäudekomplex und demonstrieren. Die früheren Angestellten fordern eine Wiedereröffnung.

Davon, dass sich dich Gemeinde zu lange auf nur einen großen Arbeitgeber in der Region verlassen hat, wollen die Ex-Mitarbeiter nichts wissen, stattdessen geben sie dem Management des Casinos die Schuld an dem Leid und dem finanziellen Fiasko der Vergangenheit. Von Seiten der Ex-Angestellten Rosy Bianchi, die in dem Casino über 13 Jahre lang als Croupier und als Vorsitzende des Betriebsrats tätig war, heißt an dieser Stelle klar und deutlich:

“Das Management war ein Filz von Unfähigen. Das Casino muss wieder geöffnet werden, besser heute als morgen. Es ist ein unglaubliches Drama für uns, unsere Familien und das ganze Dorf.”

Unterstützung erfährt Bianchi an dieser Stelle von Leonardo Pace, ebenfalls über 20 Jahre lang in dem Casino tätig und wohnhaft im Campione umgrenzenden Schweizer Tessin. Der Pendler befürchtet infolge der Schließung die Hypothek für sein Haus nicht mehr aufbringen zu können, die Situation sei „aussichtslos“, so das Statement des Familienvaters. Er verweist darauf auch schon vor dem Konkursamt Como demonstriert zu haben, ebenso am Sitz der Region in Mailand, jedoch ohne Erfolg. Seinem Ärger und seiner Verzweiflung kann Pace kaum Ausdruck verleihen, im Zitat heißt es:

“Wir fühlen uns einfach von allen im Stich gelassen. Alle sind nett und freundlich, aber niemand interessiert sich wirklich für unser Schicksal.”

Kein Glaube an eine Zukunft

Infolge der Schließung verlieren laut Fiorenzo Dorigo, ebenfalls über 21 Jahre lang im Casino Campione beschäftigt, nicht nur alteingesessene Mitarbeiter ihre Jobs, sondern auch jüngere Anwohner ihre Perspektive in Campione. Dorigo selbst wurde in Campione geboren, dass man sich nach der Ausbildung und dem Militärdienst wieder mit seinen alten Kollegen am Casino vereinte, war der normale Werdegang eines „Eingeborenen“. Im Wortlaut heißt es:

“Diejenigen, die das Glück hatten, hier geboren worden zu sein, hatten glücklicherweise auch einen Job. Hatte man erst einmal seine Ausbildung und den Militärdienst abgeschlossen, vereinigte man sich wieder mit all seinen Klassenkameraden im Casino.”

Das Drama um die Schließung zog sich bereits seit Januar 2018. Bereits unmittelbar nach dem Einsatz der Finanzbeamte im September war an dem Standort eine regelrechte Zeltstadt entstanden, wo gemeinsam Kaffee gekocht und über die Zukunft der Exklave diskutiert wurde. Der Schock über die Schließung ist bis heute spürbar. Über Jahrzehnte bot das Casino den Anwohnern eine sichere Zukunft.

Um die gravierende Einschnitte der letzten Monate zu verkraften, wird Campione allem Anschein nach noch viel Zeit benötigen. Der Glaube an einen guten Ausgang, insbesondere an eine Wiedereröffnung des Casinos scheint inzwischen jedoch zu verblassen: „Wie leben in Verzweiflung“, so das Kredo eines über 60-jährigen anonymen Ex-Angestellten im Gespräch mit Zeit Online. Von einer Wiedereröffnung sei man „heute weit entfernt“, heißt es dort, mit jedem Tag wachsen die Schulden. Mit Blick auf das Fiasko um das Casino Campione spricht das Nachrichtenportal gar von einem emporgestiegenen „Monster“. Die weiteren Entwicklungen sind an dieser Stelle abzuwarten.

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