Bulgarien verstaatlicht Sofortlotterie

Das bulgarische Parlament in Sofia hat ein Gesetz erlassen, dass die Sofortlotterie des reichsten Oligarchen des Landes, Wassil Bozhkow, verstaatlicht. Der 63-jährige Glücksspiel-Tycoon befindet sich seit über drei Wochen in den Vereinigten Arabischen Emiraten in Haft. In Bulgarien ist er in elf Punkten angeklagt. Die Regierung fordert die Auslieferung. Hier ein Überblick zum Geschehen.

Die bulgarische Hauptstadt Sofia am Abend.

Seit 2014 waren die Lotteriescheine quasi überall erhältlich, sogar in Krankenhäusern. ©NatalyaLetunova/Unsplash

„Lepra der Nation“

In Kooperation mit der Staatsanwaltschaft hat die bulgarische Regierung ein Gesetz erlassen, dass ausschließlich der Enteignung des Oligarchen Wassil Bozhkow, genannt der „Schädel“, dient. Die Sofortlotterie des Glücksspielmagnaten befindet sich damit ab sofort in staatlicher Hand. Betroffen sind Tausende Händler, die die Lotteriescheine bislang verkauft haben. Lotteriescheine im Wert von insgesamt 13,8 Mio. Euro sollen vernichtet werden.

Aufgrund zunehmenden Marketings war die Sofortlotterie seit 2014 vermehrt zum Ärgernis für die Politik geworden. Die Rede ist inzwischen gar vom „Lepra der Nation“. Zuletzt spielten über 60 Prozent der Bevölkerung. Die Jahresumsätze beliefen sich auf rund 770 Mio. Euro. Vor allem Ältere, Ärmere und Arbeitslose sollen an der Lotterie teilgenommen haben. Besonders viel gespielt wurde laut Experten in ländlichen Regionen.

Fragwürdiges Geschäftsmodell

Während Casinos und Spielhallen von dem neuen Gesetz unberührt bleiben, gilt das Geschäftsmodell der Sofortlotterie seit Jahren als fraglich: So übertrug der zweitgrößte bulgarische Fernsehsender Nowa TV täglich zur besten Sendezeit Werbespots, die einfache Menschen zeigten, welche angeblich über Nacht reich wurden. Dabei sind den Spielern überhaupt keine vollen Millionensummen ausgezahlt worden, die Gewinnausschüttung sollte über einen Zeitraum von 20 Jahren erfolgen.

Durch die erhöhte TV-Präsenz wurde die Sofortlotterie innerhalb der letzten Jahre dennoch immer beliebter. Die ärmeren Menschen in kleineren Dörfern und Kommunen sollen zuletzt bis zu zwei Drittel ihres Einkommens für die Lotteriescheine ausgegeben haben. Zurückzuführen ist dies darauf, dass die Lotterie nicht nur mit Millionen-, sondern auch mit vielen kleineren Sofortgewinnen lockt. Eine Spielerin erklärte:

“Ich kaufe Lotteriescheine, denn ich gewinne kleine Summen, die mir gleich ausgezahlt werden. Es ist also kein Problem. Ich habe nie mehr als 100 Lewa, rund 50 Euro, gewonnen. Ich weiß nicht, wieviel Geld ich dafür ausgegeben habe, ich habe es nicht gezählt.”

Tichomir Beslow, Sicherheits- und Kriminalitätsexperte am Zentrum für Demokratieforschungen in Sofia, sieht hierin den Hilferuf einer Bevölkerung, die aufgrund ihrer Abhängigkeit nicht mehr klar reflektieren kann. Der Fachmann erklärte gegenüber den hiesigen Medienanstalten:

“Stellen Sie sich vor: 60% spielen die Sofortlotterie, gleichzeitig sind 80% für die Begrenzung und sogar für das Verbot des Glücksspiels. Das heißt, die Leute kennen das Problem, aber sie sind abhängig. Es ist sehr schwierig zu widerstehen, wenn der Zugang so leicht ist. Der Schein kostet einige Lewa und kann überall gekauft werden.”

Scheine überall erhältlich

Die Scheine sollen seit 2014 fast überall erhältlich gewesen sein. Dies gilt für kleinere Lebensmittelläden, ebenso wie für große Handelsketten. Dazu kommen Zeitungskioske, Cafés und sogar Krankenhäuser. In der Kritik steht jedoch vor allem die Tatsache, dass die Scheine auch bei Postämtern angeboten wurden. Hier holen Pensionäre, Arbeitslose und Arme ihre Renten, Arbeitslosengelder und Sozialgelder ab.

Der Spieler-, Kinder- und Jugendschutz konnte von staatlicher Seite aus kaum noch garantiert werden. Auf der anderen Seite haben nun Tausende betroffene Händler mit enormen Verlusten zu kämpfen. Beklagt wird unter anderem, dass keine Übergangsfrist gewährt wurde, um sich auf den Einbruch vorzubereiten. „Es geht nicht von heute auf morgen“, erklärte ein Betroffener. Auf die Frage, nach der Höhe seiner Verluste hieß es:

“Es ist einfach schrecklich! Die Scheine habe ich bezahlt. Ich habe bestimmt Scheine für 300 Lewa, etwas mehr als 150 Euro, liegen. So etwas ist bisher nie passiert. Nie! Für manche Leute sind 300 Lewa nichts, aber für mich ist das viel Geld. Ich betreibe ein kleines Geschäft. So ist es gekommen. Man investiert Geld und am Ende wird man beschissen.”

Der „Schädel“ im Fadenkreuz

Da die Gewinne zunächst komplett steuerfrei und anschließend niedrig besteuert wurden, war die Sofortlotterie für Wassil Bozhkow jahrzehntelang eine Goldgrube. Bis vor wenigen Wochen hatte der „Schädel“ nichts von Politik und Justiz zu befürchten. Ende Januar kam es jedoch zu einer Serie von Anklagen, inzwischen sind es elf Punkte.

Zur Last gelegt werden Bozhkow unter anderem millionenschwere Steuerhinterziehung, Leitung einer organisierten kriminellen Vereinigung, Erpressung und Bestechung von Beamten. Außerdem wird wegen Mordes und Vergewaltigung ermittelt. Darüber hinaus läuft ein Verfahren aufgrund des Besitzes von kulturellen und historischen Wertgegenständen, die nicht offiziell registriert wurden. Seine Antiken-Sammlung ist die größte und wertvollste des Landes. Laut Deutschlandfunk wurde sie ebenfalls beschlagnahmt.

Infolge der Ermittlungen hatte Bozhkow das Land verlassen und wurde vor rund drei Wochen in den Vereinigten Arabischen Emiraten festgenommen. Diese haben jedoch kein Auslieferungsabkommen mit Bulgarien. Generalstaatsanwalt Iwan Geschew erklärte, dass aber dennoch ein Auslieferungsantrag erarbeitet würde. Die Zeit der „Unberührbaren“ sei vorbei, lautete das eindeutige Kredo. Die weiteren Entwicklungen bleiben abzuwarten.

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Eine bulgarische Flagge im Wind.

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