Brasilien geht gegen Lootboxen vor

Kaum ein Thema hat binnen letzter Jahre für so viele Kontroversen gesorgt wie Lootboxen in Videospielen. Für Gamer erhöhen die zufallsbasierten Beutekisten den Spielspaß, für Kritiker stellen sie hingegen ein riskantes Glücksspielelement dar, wodurch vor allem Heranwachsende gefährdet würden. Nach Verboten in Belgien und den Niederlanden sowie Untersuchungen in Großbritannien, Spanien, Deutschland und den USA hat nun auch Brasilien Maßnahmen angekündigt. Hintergrund sind Klagen der Kinderrechtsorganisation ANCED.

Eine Person mit Controller vor dem Laptop.

Laut Forschung können Lootboxen erhebliche Risiken für Kinder und Jugendliche bergen. ©CastorlyStock/Pexels

Klagen gegen Nintendo, Riot, EA, etc.

In punkto Glücksspiele sorgt in Brasilien derweil nicht nur die Wettreform für Schlagzeilen, sondern auch das Thema Lootboxen in Videospielen wie Mario Kart Tour, Fifa oder Battlefront II. Jüngst hat die brasilianische Organisation ANCED, spezialisiert auf die Rechte von Kindern und Jugendlichen, Klagen gegen mehrere große Spielehersteller eingereicht und ein Verbot der zufallsbasierten Beutekisten gefordert.

Die Klagen richten sich gegen die brasilianischen Tochtergesellschaften von Activision Blizzard, EA Games, Nintendo, Riot Games, Ubisoft und Valve Corporation. Die benannten Unternehmen nutzen Lootboxen in ihren Videospielen, woraus sich inzwischen ein Milliardengeschäft entwickelt hat. Darüber hinaus richten sich die Klagen gegen Microsoft, Google, Apple und Sony, die die Spiele auf ihren Plattformen hosten und Provisionen durch In-App-Käufe kassieren.

Eingereicht wurden die Klagen beim Bezirksgericht für Kinder und Jugendliche im Distrito Federal, dem Sitz der Zentralregierung. Insgesamt wurden sieben Klagen eingereicht, die ein Verbot von Lootboxen fordern sowie eine Entschädigung für kollektive und individuelle moralische Schäden in Höhe von umgerechnet 2,83 Milliarden Euro. ANCED argumentiert, dass Lootboxen unter das brasilianische Glücksspielgesetz fallen und in ihrer Mechanik dem Roulette oder einer Lotterie gleichen.

Lootboxen sind virtuelle Beutekisten in Videospielen wie Fifa, Stars Wars: Battlefront II oder Mario Kart Tour. Sie beinhalten exquisite Spielgegenstände, zum Beispiel Waffen, Charaktere oder Trikots. Die Inhalte sind zufallsbasiert. Zudem kosten Lootboxen kleinere Geldsummen, sogenannte Mikrotransaktionen, an denen die Hersteller kräftig mitverdienen. Wegen der potenziellen Glücksspielmechanik sind Lootboxen inzwischen Bestandteil zahlreicher Initiativen und Untersuchungen.

In der Kritik: Parallelen zum Glücksspiel

ANCED kritisierte in den Klagen außerdem die Verwendung von audiovisuellen Begleitsignalen, die beim Öffnen von Lootboxen verwendet werden. Konkret geht es hierbei um leuchtende Animationen auf dem Bildschirm und spezielle Geräusche, die dem Spieler ein Gefühl der Belohnung geben. Kinder und Jugendliche seien hierfür besonders empfänglich und würden eine Affinität zu klassischen Casinospielen entwickeln.

Die Organisation wies zudem darauf hin, dass Lootboxen in den Niederlanden und Belgien bereits verboten sind und strafrechtlich verfolgt werden. In beiden Ländern fallen die virtuellen Beutekisten unter das Glücksspielgesetz. In den Niederlanden drohte dem Fifa-Entwickler EA sogar eine fünf Millionen Euro schwere Geldstrafe. Weitere Länder, in denen Verbote geprüft werden, sind Großbritannien, Schweden, die USA und Spanien.

Auch der US-amerikanische Tech-Gigant Apple sah sich im Juni 2020 mit einer Sammelklage besorgter Eltern konfrontiert, die das Unternehmen beschuldigten, durch Lootboxen ein Milliardengeschäft zu betreiben. Tatsächlich verdient Apple 30 Prozent Provision durch jeden In-App-Kauf, 2017 lagen die Umsätze laut Golem bei rund einer Milliarde US-Dollar.

Durch die Klagen von ANCED sind nun auch die brasilianischen Behörden auf das Phänomen und die Gefahren von Lootboxen aufmerksam geworden. Es steht die Frage im Raum, ob die Beutekisten verboten oder konzessionspflichtig werden. Zur Klärung wurde ein Untersuchungsausschuss einberufen – sollte dieser zu dem Schluss gelangen, dass es sich bei Lootboxen um sogenannte zufällige Monetarisierung handelt, würde dies bedeuten, dass die Beutekisten nicht nur verboten, sondern auch mit Geldstrafen von bis zu 700.000 Dollar pro Tag geahndet werden können.

Lootboxen in Deutschland und Spanien

In Deutschland haben sich Experten und Gesetzgeber ebenfalls mit dem Thema Lootboxen befasst: Es soll kein Verbot eingeführt werden, Lootboxen fallen nicht unter das Glücksspielgesetz. Allerdings ist man sich den Risiken bewusst, weshalb das neue Jugendschutzgesetz eine Altersfreigabe ab 18 für Spiele vorsieht, die Lootboxen enthalten. Für die Industrie dürfte dies schwerwiegende Folgen haben, denn die virtuellen Beutekisten sind vor allem bei Heranwachsenden beliebt.

Ein weiteres Land, das aktuell ein Verbot von Lootboxen prüft, ist Spanien. Dort befasst sich die Glücksspielaufsicht DGOJ mit dem Thema und hat eine Untersuchung eingeleitet. Es wird darüber beraten, ob die virtuellen Schatztruhen einer neuen Regulierung oder sogar eines Verbots bedürfen. Im Fokus steht die Frage nach der Spielmechanik.

Kritiker befürchten, dass das Prinzip einer Lotterie gleichkommt – Kinder und Jugendliche würden somit für Glücksspiele sensibilisiert. Laut DGOJ hätten sich Lootboxen binnen letzter Jahre zu einem lukrativen Geschäftsmodell entwickelt. Dies gelte sowohl für kostenpflichtige als auch für Free-to-Play-Spiele. 50 Prozent der Smartphone Games und 35 Prozent der PC-Spiele würden Lootboxen enthalten. Die Ergebnisse der Überprüfung bleiben abzuwarten.

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